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Geisterbekämpfung im Jubiläumsjahr

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Photo: Hubert Berberich from Wikimedia Commons (CC BY 2.5) Stell Dir vor: 150 Jahre Deutschland – und keiner geht hin. Die erste Hälfte der Geschichte des Staates, der jetzt Geburtstag feiert, zeitigte beispiellose Katastrophen, weshalb selbst ohne Pandemie keiner so recht in Feierlaune wäre. Erinnern sollte man sich jedoch an manche Traditionen, die in jener Zeit fast ausgemerzt wurden. Ein Fundament aus Eisen und Blut Man hätte es ahnen können. Eine Woche nachdem er zum preußischen Ministerpräsident ernannt worden war, rief Otto von Bismarck im September 1862 den Abgeordneten zu: „Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht; Bayern, Württemberg, Baden mögen dem Liberalismus indulgieren, darum wird ihnen doch keiner Preußens Rolle anweisen; Preußen muß seine

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Photo: Hubert Berberich from Wikimedia Commons (CC BY 2.5)

Stell Dir vor: 150 Jahre Deutschland – und keiner geht hin. Die erste Hälfte der Geschichte des Staates, der jetzt Geburtstag feiert, zeitigte beispiellose Katastrophen, weshalb selbst ohne Pandemie keiner so recht in Feierlaune wäre. Erinnern sollte man sich jedoch an manche Traditionen, die in jener Zeit fast ausgemerzt wurden.

Ein Fundament aus Eisen und Blut

Man hätte es ahnen können. Eine Woche nachdem er zum preußischen Ministerpräsident ernannt worden war, rief Otto von Bismarck im September 1862 den Abgeordneten zu: „Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht; Bayern, Württemberg, Baden mögen dem Liberalismus indulgieren, darum wird ihnen doch keiner Preußens Rolle anweisen; Preußen muß seine Kraft zusammenfassen und zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der schon einige Male verpaßt ist; Preußens Grenzen nach den Wiener Verträgen sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig; nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut.“ Mit gnadenloser Konsequenz verfolgte der faktische Herrscher des Landes diese Strategie in den 28 Jahren, in denen er die Geschicke Preußens und dann Deutschlands bestimmte.

Preußen, das sich gerne als aufgeklärtes und modernes Staatswesen präsentierte, war seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ein auf Expansion ausgerichteter Akteur, der auf die Macht der Stiefel, Bajonette und Kanonen vertraute. Durch Kriege in Schlesien und gewaltsame Annexionen in Polen vergrößerte Friedrich II. sein Herrschaftsgebiet um über 60 Prozent. Sein Nachfolger filetierte mit Russland und Österreich zusammen den Rest der Adelsrepublik Polen-Litauen, die lange ein Leuchtturm der Freiheit in Europa gewesen war. In der Säkularisation und beim Wiener Kongress dehnte sich Preußen nach Westen aus, indem es sich das Rheinland und Westfalen einverleibte. Mit Bismarcks Auftreten sollte sich dann der Weg bereiten für das Deutsche Reich Preußischer Nation. In landestypischer Tradition zettelte der Kanzler drei Kriege an – mit Dänemark; mit Österreich, den Süddeutschen Staaten, Hannover und Sachsen; und schließlich mit Frankreich. Letzterer war ein barbarisches Gemetzel mit über 183.000 Toten und 233.000 Verwundeten in sechs Monaten. 40.000 Pariser Zivilisten starben an Hunger, Kälte und Seuchen. Innenpolitisch festigte der „Eiserne Kanzler“ die preußische Vormacht durch die Verfolgung der katholischen Kirche und der Sozialdemokratie sowie die Verstaatlichung der verschiedensten Lebensbereiche. Das ist das Fundament, auf dem Deutschland errichtet wurde. Man muss froh sein, dass das keiner feiern will.

In einer globalisierten Welt ist der Kleinstaat im Vorteil

Das Deutsche Reich Preußischer Nation war ein geschichtsloses Gebilde, das mit vielerlei Traditionen brach, die bis dahin Staatlichkeit und Gesellschaft in den Gebieten des Heiligen Römischen Reiches geprägt hatten. Dazu gehört ganz besonders der Föderalismus und das damit verbundene stark ausgeprägte lokale Selbstbewusstsein. Diese „Kleinstaaterei“ war schon länger vielen national gesinnten Menschen ein Dorn im Auge. Das spielte Preußen in die Hände, das kein Interesse daran hatte, im neuen Reich regionale Sonderinteressen groß werden zu lassen. Mit Deutschtümelei verbrämte Folklore sollte das Bedürfnis nach Identität befriedigen: von Helgoland zum Alpenrand, Rhein- und Rhönromantik, Hermanns-Denkmal und Kyffhäuser. Auf dem Papier war das Reich ein föderaler Staat und die „Clausula antiborussica“ sollte in der Verfassung den Einfluss Preußens beschränken. In der Realität aber war die Dominanz des bismarckschen und später wilhelminischen Staates offensichtlich: da hatten weder Bayern noch besetzte Rheinländer was zu melden, von Hamburg, Braunschweig oder gar Elsass-Lothringen ganz zu schweigen.

Zwar haben die Eltern des Grundgesetzes föderalen und subsidiären Elementen wieder sehr viel mehr Raum zugestanden, aber hier sind in den letzten Jahrzehnten vielerlei Kompetenzen aus Bequemlichkeit an die zentralstaatliche Gewalt zurückgeflossen. Eine Rückbesinnung auf das Erbe der oft beschworenen „teutschen Libertät“ kann gerade in einer Zeit geboten sein, in der die Suche nach Identität durch den Wegfall traditioneller Zugehörigkeiten immer drängender wird. Warum sollten Berlin, Hamburg und Bremen die einzigen bundesstaatlichen Städte sein? Köln mit seiner 2000 Jahre alten Tradition hätte ein höheres BIP als Thüringen und vier weitere Bundesländer. Frankfurt, viele Jahrhunderte lang freie Reichsstadt und Ort des ersten deutschen Parlaments, wurde 1866 von Preußen annektiert, könnte aber problemlos auf eigenen Füßen stehen. Ebenso das stetig wachsende Leipzig, das eine lange Tradition als Handelsstadt hat. Und auch Städte wie Nürnberg und Dortmund können nicht nur auf die Geschichte verweisen, sondern zeigen auch in der Gegenwart ihre Dynamik. Die Wirtschaftskraft einzelner Länderteile würde ein eigenständiges Existieren problemlos ermöglichen: Westfalen kann mit Hessen mithalten und Baden mit Sachsen und Thüringen zusammen. Die dynamische Vielfältigkeit der Städte und Landschaften in Deutschland auch politisch zu stärken, würde unserem Land in einer globalisierten Welt sehr viel mehr Resilienz ermöglichen. Im 21. Jahrhundert ist Flexibilität und Pluralismus das beste Mittel, um zugleich rasch auf Innovation reagieren zu können und dabei dennoch Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.

Das deutsche Herz schlägt für Vater Staat

Zu den Freiheitsräumen, die der Großmannssucht und Allgegenwart des Deutschen Reiches Preußischer Nation am nachhaltigsten zum Opfer fielen, gehört die Fülle an zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation, die hierzulande im 19. Jahrhundert entstanden war. Die von den Liberalen unterstützten Genossenschaften wurden durch Bismarcks Verstaatlichungsfuror ebenso marginalisiert wie sozialdemokratische Gewerkschaften und die für Katholiken bedeutsame Schulfreiheit. Das Ideal des Kanzlers war ein korporatistisch organisierter Zentralstaat mit einer hochmodernisierten Bürokratie. Er hatte verstanden, dass er dafür die Unterstützung einer breiten Masse bedurfte, die er sichern wollte, indem der Staat in allen möglichen Lebensbereichen als fürsorglicher Kümmerer in Erscheinung treten sollte: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“ Wie gut ihm das in kürzester Zeit gelang, kann man daran erkennen, wie sich auch im privaten Bereich der Familie eine auf den Patriarchen ausgerichtete „Bürgerlichkeit“ als Standard durchsetzte. Die Entfernung zu dem Verständnis, das die freiheitlichen Revolutionäre von 1848 vom emanzipierten und freien Bürger hatten, hätte kaum größer sein können.

Die Liebe der Deutschen zu ihrem Vater Staat ist zweifellos älter als 150 Jahre. Und doch war der Einfluss des durch Eisen und Blut gewonnenen Reiches dazu angetan, bestehende Prägungen noch einmal massiv zu verstärken. Die Zuneigung, die man einst dem Landesvater Graf Günther in Sondershausen oder Abt Roman in Kempten entgegengebracht hatte, wurde nun auf den ehrwürdigen Greis Kaiser Wilhelm im fernen Berlin übertragen. Der deutsche Nationalstaat war ein heldenhafter Wächter nach außen und nach innen ein Kümmerer, der für jede Herausforderung eine Antwort parat hatte. Nicht zuletzt, weil er nach der deutschen Totalkatastrophe 1933 bis 1945 geläutert und zivilisiert auftrat, vermochte der deutsche Staat in Form der Bundesrepublik auf dem Gebiet der (reichlich umfassenden) Daseinsvorsorge an den bismarckschen Überstaat anzuknüpfen. Die Krise im Zusammenhang mit der derzeitigen Pandemie führt uns freilich vor Augen, wie brüchig dieses Versprechen ist: Während Medizinstudenten in Windeseile in Berliner Kunstgalerien hocheffiziente Schnelltestzentren hochziehen, können die Regierungen ihre nachgeordneten Behörden noch nicht einmal vom Faxgerät abbringen. Und dennoch wollen immer mehr junge Menschen ihr Dasein lieber in Amtsstuben fristen. Selbst eklatante Ineffizienzen vermögen der von Bismarck angestoßenen Korruption nicht den Garaus zu machen.

Deutschland ist mehr

150 Jahre nach Ausrufung des Deutschen Reiches fällt die Bilanz nicht gut aus. Und das obwohl die unsagbaren Schrecken, in denen die erste Hälfte dieser Zeit kumulierte – von Giftgasangriffen in Flandern bis zu den Vernichtungslagern in Osteuropa –, auf unglaubliche Weise durch eine friedliebende Bundesrepublik in das Reich der Vergangenheit verwiesen wurden. Trotzdem wirken die Verwerfungen erheblich nach, die sich durch das Eisen und Blut-Reich in unserem Land ergeben haben: im verlorengegangenen Selbstbewusstsein der Städte und Regionen wie in einer flügellahmen Zivilgesellschaft und natürlich in unreflektierter Staatsgläubigkeit.

Erzählungen prägen unser Verhalten. Wie wir das Geschehene interpretieren, hat enormen Einfluss darauf, wie wir aktuelle Fragen beurteilen und entscheiden. Wer sich ein offenes und freiheitliches Deutschland wünscht, muss deshalb auch ein Interesse daran haben, jene Seiten unserer Geschichte stark zu machen, die ein anderes Erbe transportieren als jenes, das den Weg zu zwei der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte bahnte. Erzählen wir wieder mehr über die Städte, deren Luft bekanntlich frei macht und denen es gelang, gewaltige Mengen an Menschen zu integrieren. Setzen wir uns auseinander mit den stolzen Landstrichen, deren jahrhundertelang geformte Eigenarten immer noch den Menschen Heimat bieten, die als Mittelstand das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden. Seien wir aufmerksam, wenn Debatten wie die über die Rolle des Hauses Hohenzollern einmal wieder eindrücklich belegen, was der englische Historiker Lord Acton feststellte: „Geschichte ist kein von unschuldiger Hand geknüpftes Netz.“ Der Bundespräsident hat gutgetan, im Schloss Bellevue einen Raum nach dem Freiheitskämpfer Robert Blum zu benennen. Geben wir auch anderen großen Vorkämpfern der freien und offenen Gesellschaft in Deutschland mehr Raum: Menschen wie der Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters oder den beiden zentralen Bismarck-Antipoden Ludwig Windthorst und Eugen Richter, von dem Bismarck sagte: „Der Herr Abgeordnete Richter will immer das Gegenteil von dem, was die Regierung will.“ Reißen wir die geistigen Denkmäler von Bismarck und Kaiser Wilhelm nieder. Und erzählen wir die Geschichte eines Landes, in dem Vielfalt und Unternehmergeist immer schon zentrale bürgerliche Werte waren – lange vor 1871.

Clemens Schneider
Clemens Schneider, born in 1980, co-founded the educational project „Agora“ Summer Academy and the blog „Offene Grenzen“ („Open Borders“). From 2011 to 2014 he held a scholarship by the Friedrich Naumann Foundation and held responsible positions there organizing several seminars and conferences. He is active as blogger and speaker and is in constant contact with the young members of the pro-liberty movement.

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