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Gibt es in kapitalistischen Wirtschaften einen Wachstumszwang?

Summary:
«Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht!» Das ist die berühmte Aussage Joseph Schumpeters in seinem 1942 publizierten Buch «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie». Allerdings hat sich Schumpeters Prognose wie andere Prognosen über das Ende des Kapitalismus als falsch erwiesen. Der Kapitalismus funktioniert nach wie vor bestens, und fast überall auf der Welt sind die ...

Topics:
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«Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht!» Das ist die berühmte Aussage Joseph Schumpeters in seinem 1942 publizierten Buch «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie». Allerdings hat sich Schumpeters Prognose wie andere Prognosen über das Ende des Kapitalismus als falsch erwiesen. Der Kapitalismus funktioniert nach wie vor bestens, und fast überall auf der Welt sind die Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts (BIP) positiv. Dieses Wachstum ermöglicht es einer Mehrheit von Unternehmen, Gewinne zu erzielen, was das entscheidende Erfolgskriterium einer kapitalistischen Wirtschaft darstellt. Solange es Wachstum gibt, funktioniert der Kapitalismus. 
Wir sollten deshalb Schumpeters Frage zur Zukunft des Kapitalismus neu formulieren. Die Frage lautet jetzt: «Kann die kapitalistische Wirtschaft in Zukunft ohne Wachstum weiterleben?» Auf diese Frage ist meine Antwort dieselbe wie damals bei Schumpeter: «Nein, meines Erachtens nicht.» Diese Antwort führt allerdings in ein Dilemma. Wir sehen, dass Wachstum die Menschen in hochentwickelten Ländern nicht mehr glücklicher macht und mit der Endlichkeit des Planeten Erde in Konflikt gerät. Also, so sagen sich nicht wenige Menschen, könnten wir doch damit aufhören, immer noch mehr wachsen zu wollen. Schliesslich werden wir von niemandem dazu gezwungen, da sowohl Menschen als auch Unternehmen in ihren ökonomischen Entscheidungen frei sind. Wir müssen nicht ständig nach noch mehr Einkommen oder Gewinn streben, wenn wir keinen Sinn mehr darin sehen. Doch in der Realität machen wir genau das. Das System sorgt dafür, dass Unternehmen, Haushalte und Staat trotz Wirtschaftsfreiheit stets um weiteres Wachstum bemüht sind. Der Kapitalismus hat seine Akteure erfolgreich mit Zuckerbrot und Peitsche zu stetigem Wachstum verführt und sie gleichzeitig davon abhängig gemacht. Aus dem Heilsversprechen wird in hochentwickelten Ländern zunehmend eine Zwangshandlung, in der nicht mehr die Menschen das Wachstum vorantreiben, sondern der Wachstumszwang die Menschen antreibt.
Diesen Zwangscharakter der kapitalistischen Wirtschaft hat Marx bereits im 19. Jahrhundert richtig gesehen. Doch er schätzte die Auswirkung der kapitalistischen Wirtschaft auf den Wohlstand der Arbeiter längerfristig falsch ein, indem er Ausbeutung und Verelendung prognostizierte. Aus diesem Grund sah er die Lösung in einer Revolution, welche zur Abschaffung des Kapitalismus führen sollte. Doch in der realen Welt führte weniger der Kapitalismus als vielmehr die Versuche seiner Abschaffung zu einer Verelendung, da die in kommunistischen Ländern errichteten Planwirtschaften nie richtig funktionierten. Und schnell sehnten sich die Menschen wieder nach dem Kapitalismus zurück, der als wesentlich kleineres Übel empfunden wurde. 
Aufgrund dieser negativen Erfahrungen fordern Kritiker der kapitalistischen Wirtschaft und des mit ihr verbundenen Wachstumszwangs heute nur noch selten Revolutionen. Es ist heute einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Stattdessen soll die kapitalistische Wirtschaft mit Reformen gebändigt werden. So werden immer wieder neue Massnahmen vorgeschlagen, welche die kapitalistische Wirtschaft vom Wachstumszwang befreien und gleichzeitig menschengerechter, sozialer, fairer, nachhaltiger oder gemeinwohlorientierter machen sollen. Es werden Wirtschaftsmodelle entworfen, die auch ohne Wachstum Wohlstand schaffen (zum Beispiel von Meinhard Miegel) und die Harmonie mit der natürlichen Umwelt in lokalen Kreislaufwirtschaften wiederherstellen. Und global soll eine grosse Transformation in Gang gesetzt werden, die den Umbau zu einer sozial und ökologisch gerechten Welt ermöglicht. 
In der Realität gibt es durchaus Nischensysteme, welche in diese Richtung gehen, wenn wir etwa an die lokale Lebensmittelversorgung oder die Energienutzung denken. Doch um diese Systeme herum wächst die konventionelle Wirtschaft munter weiter. Die Tätigkeit von Konzernen wie Airbus, Alphabet (Google), Amazon oder Apple wird durch lokale Kreislaufwirtschaften kaum tangiert. Von der Politik umgesetzte Reformen durften immer nur so weit gehen, dass sie das längerfristige Wachstum nicht gefährdeten. So hat man moderate CO2-Steuern eingeführt oder grosszügig Emissionszertifikate verteilt, die Arbeitszeit manchmal etwas verkürzt, die Banken etwas strikter kontrolliert, Unternehmen zu mehr Sozialverantwortung verpflichtet, Werbeverbote für bestimmte Produkte eingeführt und sogar mit bescheidenen Grundeinkommensmodellen experimentiert. Mit solchen Massnahmen war es möglich, die Entwicklung kapitalistischer Wirtschaften sozialer und nachhaltiger zu gestalten. Doch sobald man versucht, der weiteren Expansion wirtschaftlicher Tätigkeit Grenzen zu setzen, beisst man sich am Kapitalismus die Zähne aus. Der Konflikt zwischen dem Zwang zum Wachstum und der Notwendigkeit, die natürliche Umwelt zu schützen, ist in den Worten des britischen Historikers Eric Hobsbawm «die Achillesferse der kapitalistischen Wirtschaft, und bis heute wissen wir nicht, wessen Pfeil diese Ferse einmal treffen wird». 
Wie schizophren Diskussionen um Wachstum und Nachhaltigkeit tatsächlich ablaufen, lässt sich beispielsweise anhand der Ausgabe der NZZ am Sonntag vom 14. Oktober 2018 exemplifizieren. Dort wird auf Seite 29 unter dem Titel «Bund prüft strengeres Reduktionsziel» über schärfere Massnahmen zur Reduktion des CO2-Austosses in der Schweiz berichtet. Die vorberatende Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek) beauftragt die Bundesverwaltung damit, einen Vorschlag für eine Flugticketabgabe auszuarbeiten. Das Ziel einer solchen CO2-Steuer besteht darin, das Fliegen zu verteuern und die Leute dazu zu bringen, weniger zu fliegen. Man möchte also das Wachstum des Flugverkehrs eindämmen und sogar einen Rückgang einleiten. Nur zwei Seiten weiter vorne findet sich in derselben Ausgabe aber ein Beitrag («Die Schweiz fliegt planlos in die Zukunft») über die Zukunftsperspektiven des Flugverkehrs in der Schweiz. Dort wird argumentiert, dass die Entwicklung des Flugverkehrs in der Schweiz bedroht sei. Der Grund dafür liege in der mangelnden Wachstumsmöglichkeit des Flugverkehrs am Zürcher Flughafen aufgrund fehlender Kapazitäten. Darunter leide wiederum die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft. Also sollte man weiter in den Kapazitätsausbau des Flughafens Zürich investieren, um zukünftiges Wachstum des Flugverkehrs zu ermöglichen. 
In derselben Zeitung haben wir also zwei völlig widersprüchliche Aussagen zur Wünschbarkeit des Wachstums im Flugverkehr. Im ersten Bericht besteht das Ziel in einer Reduktion des Flugverkehrs, um einen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen zu leisten, was mit Hilfe einer Flugticketabgabe erreicht werden soll. Im zweiten Bericht liegt das Problem umgekehrt in einer zu geringen Wachstumsmöglichkeit des Flugverkehrs, was die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz im internationalen Flugverkehr bedroht. Hier kommt der Wachstumszwang der Wirtschaft zum Ausdruck, welche eine Begrenzung wirtschaftlicher Tätigkeit, also auch des Flugverkehrs, als Bedrohung sieht, die man sich nicht leisten kann. Also darf das Wachstum des Flugverkehrs nicht in Frage gestellt werden. Wir können deshalb davon ausgehen, dass eine in Zukunft vielleicht einmal umgesetzte Flugticketabgabe so gering ausfallen wird, dass sie das Wachstum des Flugverkehrs nicht ernsthaft gefährden wird. 
Die Vision einer vom Wachstumszwang befreiten kapitalistischen Wirtschaft bleibt deshalb Utopie. Eine kapitalistische Wirtschaft kann keine Postwachstumsökonomie sein. Oder anders ausgedrückt: Eine echte Postwachstumsökonomie wäre keine kapitalistische Wirtschaft mehr. Diesen wichtigen Punkt heben auch Robert und Edward Skidelsky in ihrem 2012 erschienenen Buch «How Much Is Enough? Money and the Good Life» hervor. Sie schreiben dort (übersetzt): «Das Ende des Wachstums stellt uns vor die Herausforderung, uns vorzustellen, wie das Leben nach dem Kapitalismus möglicherweise aussehen wird. Denn ein Wirtschaftssystem, in dem Kapital nicht mehr akkumuliert wird, ist keine kapitalistische Wirtschaft mehr, wie immer wir sie dann auch nennen wollen.» Allerdings stellen sich Vater und Sohn Skidelsky eine Abkehr von der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu einfach vor. Sie unterschätzen den disruptiven Charakter eines solchen Ausstiegs und seine negativen Konsequenzen für den allgemeinen Wohlstand. 
Deshalb ist eine Abkehr von der kapitalistischen Wirtschaft zurzeit weder in Sicht, noch wird sie von einer breiteren Bevölkerung in irgendeinem Land ernsthaft angestrebt. Das liegt auch daran, dass das Heilsversprechen von immer mehr materiellem Wohlstand zur dominierenden kollektiven Zukunftsvision moderner Gesellschaften geworden ist und als mentale Infrastruktur in den Menschen verankert wurde. Tatsächlich haben kapitalistische Wirtschaften diese Zukunftsvision im Verlauf der Zeit verlässlich erfüllt, auch wenn der Wohlstand nicht allen Bevölkerungsgruppen im gleichen Ausmass zuteilgeworden ist, das Wachstum immer wieder erhebliche Kollateralschäden angerichtet hat und die Menschen in hochentwickelten Ländern nicht mehr glücklicher oder zufriedener werden.
Solange wir in einer kapitalistischen Wirtschaft leben, wird der Wachstumszwang somit nicht verschwinden. Und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass kapitalistische Wirtschaften mangels akzeptabler Alternativen noch lange überleben werden. Da auch in Zukunft weiterhin mit Wirtschaftswachstum zu rechnen ist, stellt sich die Frage, inwieweit sich dieses Wachstum in gewünschte Bahnen lenken lässt. Erwünscht ist aus ökologischer Perspektive ein Wachstum, welches möglichst wenig Umweltschäden verursacht und zu keiner Erschöpfung natürlicher Ressourcen führt. Darüber besteht weitgehend Einigkeit. Eine ganz andere Frage ist aber, ob und wie dies überhaupt möglich ist. Lassen sich Wachstum und Nachhaltigkeit längerfristig überhaupt miteinander vereinbaren, oder handelt es sich dabei nicht viel eher um Gegensätze? Bei solchen Fragen scheiden sich die Geister schnell.

Der Kapitalismus hat seine Akteure zu stetigem Wachstum verführt und sie gleichzeitig davon abhängig gemacht. Doch aus dem Heilsversprechen wird zunehmend eine Zwangshandlung. Wer nun aber die Abkehr vom Kapitalismus fordert, macht es sich zu einfach.

«Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht!» Das ist die berühmte Aussage Joseph Schumpeters in seinem 1942 publizierten Buch «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie». Allerdings hat sich Schumpeters Prognose wie andere Prognosen über das Ende des Kapitalismus als falsch erwiesen. Der Kapitalismus funktioniert nach wie vor bestens, und fast überall auf der Welt sind die Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts (BIP) positiv. Dieses Wachstum ermöglicht es einer Mehrheit von Unternehmen, Gewinne zu erzielen, was das entscheidende Erfolgskriterium einer kapitalistischen Wirtschaft darstellt. Solange es Wachstum gibt, funktioniert der Kapitalismus. 

Wir sollten deshalb Schumpeters Frage zur Zukunft des Kapitalismus neu formulieren. Die Frage lautet jetzt: «Kann die kapitalistische Wirtschaft in Zukunft ohne Wachstum weiterleben?» Auf diese Frage ist meine Antwort dieselbe wie damals bei Schumpeter: «Nein, meines Erachtens nicht.» Diese Antwort führt allerdings in ein Dilemma. Wir sehen, dass Wachstum die Menschen in hochentwickelten Ländern nicht mehr glücklicher macht und mit der Endlichkeit des Planeten Erde in Konflikt gerät. Also, so sagen sich nicht wenige Menschen, könnten wir doch damit aufhören, immer noch mehr wachsen zu wollen. Schliesslich werden wir von niemandem dazu gezwungen, da sowohl Menschen als auch Unternehmen in ihren ökonomischen Entscheidungen frei sind. Wir müssen nicht ständig nach noch mehr Einkommen oder Gewinn streben, wenn wir keinen Sinn mehr darin sehen. Doch in der Realität machen wir genau das. Das System sorgt dafür, dass Unternehmen, Haushalte und Staat trotz Wirtschaftsfreiheit stets um weiteres Wachstum bemüht sind. Der Kapitalismus hat seine Akteure erfolgreich mit Zuckerbrot und Peitsche zu stetigem Wachstum verführt und sie gleichzeitig davon abhängig gemacht. Aus dem Heilsversprechen wird in hochentwickelten Ländern zunehmend eine Zwangshandlung, in der nicht mehr die Menschen das Wachstum vorantreiben, sondern der Wachstumszwang die Menschen antreibt.

Revolutionen werden nur noch selten gefordert

Diesen Zwangscharakter der kapitalistischen Wirtschaft hat Marx bereits im 19. Jahrhundert richtig gesehen. Doch er schätzte die Auswirkung der kapitalistischen Wirtschaft auf den Wohlstand der Arbeiter längerfristig falsch ein, indem er Ausbeutung und Verelendung prognostizierte. Aus diesem Grund sah er die Lösung in einer Revolution, welche zur Abschaffung des Kapitalismus führen sollte. Doch in der realen Welt führte weniger der Kapitalismus als vielmehr die Versuche seiner Abschaffung zu einer Verelendung, da die in kommunistischen Ländern errichteten Planwirtschaften nie richtig funktionierten. Und schnell sehnten sich die Menschen wieder nach dem Kapitalismus zurück, der als wesentlich kleineres Übel empfunden wurde. 

Aufgrund dieser negativen Erfahrungen fordern Kritiker der kapitalistischen Wirtschaft und des mit ihr verbundenen Wachstumszwangs heute nur noch selten Revolutionen. Es ist heute einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Stattdessen soll die kapitalistische Wirtschaft mit Reformen gebändigt werden. So werden immer wieder neue Massnahmen vorgeschlagen, welche die kapitalistische Wirtschaft vom Wachstumszwang befreien und gleichzeitig menschengerechter, sozialer, fairer, nachhaltiger oder gemeinwohlorientierter machen sollen. Es werden Wirtschaftsmodelle entworfen, die auch ohne Wachstum Wohlstand schaffen (zum Beispiel von Meinhard Miegel) und die Harmonie mit der natürlichen Umwelt in lokalen Kreislaufwirtschaften wiederherstellen. Und global soll eine grosse Transformation in Gang gesetzt werden, die den Umbau zu einer sozial und ökologisch gerechten Welt ermöglicht. 

In der Realität gibt es durchaus Nischensysteme, welche in diese Richtung gehen, wenn wir etwa an die lokale Lebensmittelversorgung oder die Energienutzung denken. Doch um diese Systeme herum wächst die konventionelle Wirtschaft munter weiter. Die Tätigkeit von Konzernen wie Airbus, Alphabet (Google), Amazon oder Apple wird durch lokale Kreislaufwirtschaften kaum tangiert. Von der Politik umgesetzte Reformen durften immer nur so weit gehen, dass sie das längerfristige Wachstum nicht gefährdeten. So hat man moderate CO2-Steuern eingeführt oder grosszügig Emissionszertifikate verteilt, die Arbeitszeit manchmal etwas verkürzt, die Banken etwas strikter kontrolliert, Unternehmen zu mehr Sozialverantwortung verpflichtet, Werbeverbote für bestimmte Produkte eingeführt und sogar mit bescheidenen Grundeinkommensmodellen experimentiert. Mit solchen Massnahmen war es möglich, die Entwicklung kapitalistischer Wirtschaften sozialer und nachhaltiger zu gestalten. Doch sobald man versucht, der weiteren Expansion wirtschaftlicher Tätigkeit Grenzen zu setzen, beisst man sich am Kapitalismus die Zähne aus. Der Konflikt zwischen dem Zwang zum Wachstum und der Notwendigkeit, die natürliche Umwelt zu schützen, ist in den Worten des britischen Historikers Eric Hobsbawm «die Achillesferse der kapitalistischen Wirtschaft, und bis heute wissen wir nicht, wessen Pfeil diese Ferse einmal treffen wird». 

Eine kapitalistische Wirtschaft kann keine Postwachstumsökonomie sein

Wie schizophren Diskussionen um Wachstum und Nachhaltigkeit tatsächlich ablaufen, lässt sich beispielsweise anhand der Ausgabe der NZZ am Sonntag vom 14. Oktober 2018 exemplifizieren. Dort wird auf Seite 29 unter dem Titel «Bund prüft strengeres Reduktionsziel» über schärfere Massnahmen zur Reduktion des CO2-Austosses in der Schweiz berichtet. Die vorberatende Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek) beauftragt die Bundesverwaltung damit, einen Vorschlag für eine Flugticketabgabe auszuarbeiten. Das Ziel einer solchen CO2-Steuer besteht darin, das Fliegen zu verteuern und die Leute dazu zu bringen, weniger zu fliegen. Man möchte also das Wachstum des Flugverkehrs eindämmen und sogar einen Rückgang einleiten. Nur zwei Seiten weiter vorne findet sich in derselben Ausgabe aber ein Beitrag («Die Schweiz fliegt planlos in die Zukunft») über die Zukunftsperspektiven des Flugverkehrs in der Schweiz. Dort wird argumentiert, dass die Entwicklung des Flugverkehrs in der Schweiz bedroht sei. Der Grund dafür liege in der mangelnden Wachstumsmöglichkeit des Flugverkehrs am Zürcher Flughafen aufgrund fehlender Kapazitäten. Darunter leide wiederum die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft. Also sollte man weiter in den Kapazitätsausbau des Flughafens Zürich investieren, um zukünftiges Wachstum des Flugverkehrs zu ermöglichen. 

In derselben Zeitung haben wir also zwei völlig widersprüchliche Aussagen zur Wünschbarkeit des Wachstums im Flugverkehr. Im ersten Bericht besteht das Ziel in einer Reduktion des Flugverkehrs, um einen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen zu leisten, was mit Hilfe einer Flugticketabgabe erreicht werden soll. Im zweiten Bericht liegt das Problem umgekehrt in einer zu geringen Wachstumsmöglichkeit des Flugverkehrs, was die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz im internationalen Flugverkehr bedroht. Hier kommt der Wachstumszwang der Wirtschaft zum Ausdruck, welche eine Begrenzung wirtschaftlicher Tätigkeit, also auch des Flugverkehrs, als Bedrohung sieht, die man sich nicht leisten kann. Also darf das Wachstum des Flugverkehrs nicht in Frage gestellt werden. Wir können deshalb davon ausgehen, dass eine in Zukunft vielleicht einmal umgesetzte Flugticketabgabe so gering ausfallen wird, dass sie das Wachstum des Flugverkehrs nicht ernsthaft gefährden wird. 

Die Vision einer vom Wachstumszwang befreiten kapitalistischen Wirtschaft bleibt deshalb Utopie. Eine kapitalistische Wirtschaft kann keine Postwachstumsökonomie sein. Oder anders ausgedrückt: Eine echte Postwachstumsökonomie wäre keine kapitalistische Wirtschaft mehr. Diesen wichtigen Punkt heben auch Robert und Edward Skidelsky in ihrem 2012 erschienenen Buch «How Much Is Enough? Money and the Good Life» hervor. Sie schreiben dort (übersetzt): «Das Ende des Wachstums stellt uns vor die Herausforderung, uns vorzustellen, wie das Leben nach dem Kapitalismus möglicherweise aussehen wird. Denn ein Wirtschaftssystem, in dem Kapital nicht mehr akkumuliert wird, ist keine kapitalistische Wirtschaft mehr, wie immer wir sie dann auch nennen wollen.» Allerdings stellen sich Vater und Sohn Skidelsky eine Abkehr von der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu einfach vor. Sie unterschätzen den disruptiven Charakter eines solchen Ausstiegs und seine negativen Konsequenzen für den allgemeinen Wohlstand. 

Als mentale Infrastruktur in den Menschen verankert

Deshalb ist eine Abkehr von der kapitalistischen Wirtschaft zurzeit weder in Sicht, noch wird sie von einer breiteren Bevölkerung in irgendeinem Land ernsthaft angestrebt. Das liegt auch daran, dass das Heilsversprechen von immer mehr materiellem Wohlstand zur dominierenden kollektiven Zukunftsvision moderner Gesellschaften geworden ist und als mentale Infrastruktur in den Menschen verankert wurde. Tatsächlich haben kapitalistische Wirtschaften diese Zukunftsvision im Verlauf der Zeit verlässlich erfüllt, auch wenn der Wohlstand nicht allen Bevölkerungsgruppen im gleichen Ausmass zuteilgeworden ist, das Wachstum immer wieder erhebliche Kollateralschäden angerichtet hat und die Menschen in hochentwickelten Ländern nicht mehr glücklicher oder zufriedener werden.

Solange wir in einer kapitalistischen Wirtschaft leben, wird der Wachstumszwang somit nicht verschwinden. Und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass kapitalistische Wirtschaften mangels akzeptabler Alternativen noch lange überleben werden. Da auch in Zukunft weiterhin mit Wirtschaftswachstum zu rechnen ist, stellt sich die Frage, inwieweit sich dieses Wachstum in gewünschte Bahnen lenken lässt. Erwünscht ist aus ökologischer Perspektive ein Wachstum, welches möglichst wenig Umweltschäden verursacht und zu keiner Erschöpfung natürlicher Ressourcen führt. Darüber besteht weitgehend Einigkeit. Eine ganz andere Frage ist aber, ob und wie dies überhaupt möglich ist. Lassen sich Wachstum und Nachhaltigkeit längerfristig überhaupt miteinander vereinbaren, oder handelt es sich dabei nicht viel eher um Gegensätze? Bei solchen Fragen scheiden sich die Geister schnell.

Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Form in «Die Weltwoche»[ a ] unter dem Titel «Kapitalismus: zum Wachstum verurteilt» erschienen.

Binswanger, M. (2019). Der Wachstumszwang – Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben. Wiley Verlag, Weinheim. 

Miegel, M. (2010). Exit - Wohlstand ohne Wachstum. Propyläen Verlag, Berlin.

Schumpeter, J. (1980) [1942]. Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. München.

Skidelsky, R. and Skidelsky, E. (2012): How Much is Enough? Money and the Good Life, New York, NY, USA.

©KOF ETH Zürich, 17. Jun. 2019

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