Tuesday , April 25 2017
Home / Never mind the markets / Der letzte Schuss mit der Wunderwaffe

Der letzte Schuss mit der Wunderwaffe

Summary:
Mehr als Geldpolitik: Die Europäische Zentralbank – im Bild der Hauptsitz in Frankfurt – greift in die Kreditpolitik der Banken ein. Foto: Ralph Orlowski (Reuters) Es ist eines der ungewöhnlichsten Instrumente, das sich Zentralbanken haben einfallen lassen: sogenannte gezielte Geldkredite («T-LTROs»). Notenbanken versorgen die Wirtschaft mit Geld. Dies geschieht über die Banken, die zu diesem Zweck Konten bei der Notenbank unterhalten. Normalerweise bietet die Notenbank eines Landes einmal wöchentlich kurzfristige Liquidität zu einem bestimmten Zinssatz an. Banken können entscheiden, wie viel Geld sie sich zu diesem Preis und für den vorgeschlagenen Zeitraum beschaffen wollen. Sie müssen dann Wertschriften oder andere Sicherheiten als Deckung hinterlegen. Die Liquidität, welche die

Topics:
Andreas Neinhaus considers the following as important: , , ,

This could be interesting, too:

Tobias Straumann writes Rätselhafte Grande Nation

Blog-Redaktion writes 900 Milliarden hoch: Europas zweiter Schuldenberg

Zürcherin writes „Inside Islam“: Der Moscheereport und die Angst vor der Wahrheit

Tobias Straumann writes Deutsche Mark: Eine ironische Geschichte

Der letzte Schuss mit der Wunderwaffe

Mehr als Geldpolitik: Die Europäische Zentralbank – im Bild der Hauptsitz in Frankfurt – greift in die Kreditpolitik der Banken ein. Foto: Ralph Orlowski (Reuters)

Es ist eines der ungewöhnlichsten Instrumente, das sich Zentralbanken haben einfallen lassen: sogenannte gezielte Geldkredite («T-LTROs»).

Notenbanken versorgen die Wirtschaft mit Geld. Dies geschieht über die Banken, die zu diesem Zweck Konten bei der Notenbank unterhalten. Normalerweise bietet die Notenbank eines Landes einmal wöchentlich kurzfristige Liquidität zu einem bestimmten Zinssatz an. Banken können entscheiden, wie viel Geld sie sich zu diesem Preis und für den vorgeschlagenen Zeitraum beschaffen wollen. Sie müssen dann Wertschriften oder andere Sicherheiten als Deckung hinterlegen.

Die Liquidität, welche die Banken auf diese Weise aufgenommen haben, verkaufen sie anschliessend weiter. Zum Beispiel begeben sie Kredite an Unternehmen oder Privathaushalte. Das geschieht zu einem etwas höheren Zinssatz, damit sie daran Geld verdienen. Je tiefer der Zins, zu dem die Notenbank Geld ausleiht, desto günstiger kann eine Bank Kredite vergeben und desto mehr Unternehmen können es sich leisten, einen Kredit aufzunehmen, um zu investieren. Das bringt den Konjunkturmotor zum Laufen. So weit die Theorie.

Wenn die Pferde nicht saufen

Das praktische Problem nach der Finanzkrise bestand darin, dass Banken ihr Kreditgeschäft nicht ausbauten, obwohl Notenbanken weltweit die Zinsen massiv senkten. Selbst zu 0 Prozent passiert nichts. Sie nehmen zwar das zur Verfügung gestellte Geld auf, parkieren jedoch fast alles bei der Notenbank (Überschussreserven) oder legen es an der Börse an, die höhere Gewinne verspricht.

Während der Eurokrise 2011/12 war sicher die Verunsicherung des Bankensektors schuld. Die EZB beschloss deshalb, nicht nur kurzfristiges Geld auszugeben, sondern ebenfalls für längere Zeiträume von bis zu drei Jahren. Es handelt sich um langfristige Refinanzierungsgeschäfte (Long-term Refinancing Operations, LTROs).

Allerdings änderten auch die LTROs nicht das Gesamtbild. Die zur Verfügung gestellten Hunderte von Milliarden Euro flossen zwar fast überallhin. Indirekt sogar in die Staatskasse, weil Banken mit den Mitteln Anleihen ihrer Regierung aufkauften und diese sich so munter neuverschulden konnte (der Sarkozy-Trade). Aber die LTRO-Gelder flossen nicht in das Kreditgeschäft, um Unternehmen und Private zum Investieren und Konsumieren zu animieren. So wie es eigentlich das Lehrbuch vorsieht.

Der letzte Schuss mit der Wunderwaffe

Aus diesem Grund legte die EZB zunächst 2014 und dann 2016 neue Geldspritzen auf, die ausdrücklich an das Kreditgeschäft der Banken gerichtet sind. Diese gezielten Geldkredite oder Targeted Long-term Refinancing Operations (T-LTROs) sehen einen Bonus vor: Falls das aufgenommene Geld in Kundenkredite fliesst, «kostet» der T-LTRO die Bank nicht den zentralen Leitzins der EZB von derzeit 0 Prozent, sondern den Einlagesatz. Dieser liegt seit 2011 im Minus. Derzeit beträgt er –0,4 Prozent. Banken erhalten also eine Marge von 40 Basispunkten (Bp) von der EZB, wenn sie Kredit sprechen.

(Das tatsächliche Prozedere ist etwas komplexer. Jeder Bank wird eine spezifische quantitative Benchmark für die Kreditschöpfung zugeteilt. Je weiter die tatsächliche Kreditvergabe sie übersteigt, desto tiefer sinkt der Zins unter 0 Prozent, bis auf maximal –0,4 Prozent).

Innovativ, aber mit beschränkter Wirkung

T-LTROs sind sicherlich das bisher weitreichendste Notenbankinstrument. QE und Anleihenkäufe sind zwar in der Öffentlichkeit viel bekannter und erhalten in den Medien die meiste Aufmerksamkeit. Da sie viel grössere Volumen umfassen, ist das nachvollziehbar. Aber im Vergleich zu den gezielten Geldkrediten sind sie geldpolitisch ein alter Hut, der seit Jahren von vielen Notenbanken praktiziert wird.

Mit den T-LTRO hat die EZB hingegen den Rubikon überschritten. Sie schöpft nicht mehr nur Geld und bleibt ansonsten als Spielleiter an der Seitenlinie, sondern sie greift in die Kreditpolitik der Banken ein und bestimmt, wofür das Geld verwendet werden soll. Das ist mehr als Geldpolitik. Der Auftritt trägt industriepolitische Züge.

Hat sie damit ihre Kompetenz überschritten? Ordnungspolitisch sicherlich. Andererseits führte die ultralockere Geldpolitik zu massiven Überschussreserven und könnten die T-LTROs dazu beitragen, dass mehr von diesem sinnlos parkierten Geld in die Realwirtschaft fliesst und dort sinnvoller eingesetzt wird. Es lässt sich auch argumentieren, durch sie werde vermieden, dass zu viel Geld an der Börse verpulvert wird und die Spekulation anheizt.

Torschlusspanik vor drohenden Zinserhöhungen

In der Praxis ist es anders gekommen. Die ersten drei T-LTRO wurden nur bescheiden nachgefragt. Im Juni 2016 waren es netto 31 Mrd. €, die Volumen lagen im September und im Dezember nur wenig höher. Erst der vierte und letzte brachte nun den Quantensprung.

Der letzte Schuss mit der Wunderwaffe

Quelle: Bloomberg

Er wurde vergangene Woche angeboten und erzielte auf Anhieb 233 Mrd. €. Aber das dürfte vor allem auf eine Torschlusspanik zurückzuführen sein. Bereits wird an den Märkten über Zinserhöhungen der EZB gemunkelt. Der T-LTRO bietet den Banken zum letzten Mal die Chance, sich einen Geldkredit über vier Jahre zu 0 Prozent zu sichern, mit der Chance auf eine Extraprämie von bis zu 40 Bp.

Gesamtwirtschaftlich bewegte das innovative Instrument hingegen wenig:

  1. Die Banken horten immer höhere Überschussreserven, alimentiert inzwischen durch die Anleihenkäufe der EZB. Diese haben das LTRO/T-LTRO-Experiment längst verdrängt.
  2. Die Kreditvolumen vermochte die EZB nicht zu steigern. Ihre eigenen Studien ergeben, dass das über die T-LTROs nur in den gesunden Ländern gelang und bei gesunden Banken, wo die Kredite an die Wirtschaft sowieso schon flossen.
  3. In den Problemstaaten wie Italien und Spanien dagegen bewirkten die T-LTROs, dass die Kreditkosten zurückgefahren werden konnten. Aber das Geschäft kurbelten sie nicht an. Dem stehen strukturelle Probleme im Wege, und gegen die vermag auch die EZB nichts auszurichten.

Die Erfahrung mit der vermeintlichen Wunderwaffe liefert einen weiteren Beleg für die Grenzen der Notenbankpolitik. Die Volumen, die Zentralbanken dabei umsetzen, sind in den vergangenen Jahren zwar explodiert. Aber die Wirkungskraft wurde nicht gesteigert.

0 0
Andreas Neinhaus
Andreas Neinhaus (Jg. 1963) ist seit 1997 als Redaktor bei «Finanz und Wirtschaft» tätig und schreibt über geld- und währungspolitische sowie konjunkturelle Fragen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *