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Sind reiche Menschen egoistisch?

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Zuschauerinnen am White Turf in St. Moritz. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone) Forscher in den Niederlanden haben kürzlich ein interessantes Experiment durchgeführt, um einem hartnäckigen öffentlichen (Vor-)Urteil auf die Spur zu kommen: Sind reiche Menschen wirklich egoistischer als andere? Dazu wählten sie in einer mittelgrossen holländischen Stadt zwei Kategorien von Privathaushalten aus: solche mit einem durchschnittlichen Vermögen von 2,5 Millionen Euro und solche mit einem Vermögen von rund 27’000 Euro. Ihnen allen schickten sie einen Brief, der eine Glückwunschkarte von einem Grossvater an seinen Enkel enthielt. Zusätzlich befanden sich in den Umschlägen kleine Geldgeschenke. Entweder eine 5- oder 20-Euro-Note oder eine entsprechende Banküberweisungskarte über diesen Betrag, die allerdings nur von dem korrekten Empfänger eingelöst werden konnte. Die Umschläge waren leicht transparent, sodass sich von aussen erahnen liess, was die Post enthielt. Die Sache hatte nur einen Haken: Die adressierten Briefe wurden absichtlich an die falschen Adressen geschickt.

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Sind reiche Menschen egoistisch?

Zuschauerinnen am White Turf in St. Moritz. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Forscher in den Niederlanden haben kürzlich ein interessantes Experiment durchgeführt, um einem hartnäckigen öffentlichen (Vor-)Urteil auf die Spur zu kommen: Sind reiche Menschen wirklich egoistischer als andere? Dazu wählten sie in einer mittelgrossen holländischen Stadt zwei Kategorien von Privathaushalten aus: solche mit einem durchschnittlichen Vermögen von 2,5 Millionen Euro und solche mit einem Vermögen von rund 27’000 Euro. Ihnen allen schickten sie einen Brief, der eine Glückwunschkarte von einem Grossvater an seinen Enkel enthielt. Zusätzlich befanden sich in den Umschlägen kleine Geldgeschenke. Entweder eine 5- oder 20-Euro-Note oder eine entsprechende Banküberweisungskarte über diesen Betrag, die allerdings nur von dem korrekten Empfänger eingelöst werden konnte. Die Umschläge waren leicht transparent, sodass sich von aussen erahnen liess, was die Post enthielt.

Die Sache hatte nur einen Haken: Die adressierten Briefe wurden absichtlich an die falschen Adressen geschickt. Würden die Empfänger, die Post öffnen und das Geld einstecken, oder würde sie sie dem richtigen Empfänger zukommen lassen? Ökonomisch ausgedrückt: Wer würde sich für einen risikolosen Profit (auf Kosten anderer) entscheiden und wer hingegen zusätzliche Kosten schultern, um jemand anderes vor einem Verlust zu bewahren?

Gleiche Absichten, unterschiedliche Resultate

Das Resultat fiel eindeutig aus. 81 Prozent der vermögenden Haushalte leiteten die Briefe an den richtigen Adressaten weiter, aber nur 38 Prozent der armen taten das ebenfalls. Dabei spielte es keine Rolle, was genau sich in den jeweiligen Briefen befand. Reiche handeln also nicht unsozialer als andere Menschen, folgern die Autoren des Experiments. Aber was ist mit den Armen? Unter den nicht vermögenden Haushalten sank die Bereitschaft, die Überweisungskarte dem Empfänger zukommen zu lassen, umso mehr, je weiter der Termin der letzten Lohnauszahlung zurücklag.

Die Wissenschaftler führten mehrere Tests durch und gelangten zu dem Ergebnis, dass die sozialen Präferenzen von Reichen und Armen sich nicht unterscheiden. Beide Gruppen hegten die gleichen sozialen Absichten. Aber die armen Haushalte handelten oft weniger sozial aus dem einfachen Grund, dass sie über weniger Geld verfügten. Das Resultat des Feldversuchs bestätigt Ökonomen, die einen alternativen Ansatz in der Armutsforschung verfolgen. Um die Ursachen und Auswirkungen eines Zustands, in dem die finanziellen Mittel fehlen, zu untersuchen, konzentrieren sie sich auf den Kern aller ökonomischer Fragen: den Umgang mit Knappheit.

Langfristig schlecht

Sie argumentieren, dass Personen, die unter finanziellem Druck stehen, vermehrt Entscheidungen treffen, die kurzfristig eine Lösung versprechen, aber langfristig suboptimal sind und die Situation gar verschlechtern. Verhaltensökonomen führen das darauf zurück, dass sich die Wahrnehmung auf das drängendste Problem beschränkt. Oder wie es der Harvard-Ökonom Sendhil Mullainathan formuliert: «Having less elicits greater focus.» Geldknappheit rückt die Lösung einzelner Probleme in den Vordergrund, deshalb werden andere Probleme übersehen. Beim morgigen Wocheneinkauf im Supermarkt gerät die nächsten Monat fällige Mietzahlung in Vergessenheit.

Ein solches Verhalten ist nicht zwangsläufig kurzsichtig, sondern es ist problemorientiert. Ärmere Menschen sparen ebenfalls für die Zukunft wie reichere, aber ihre Ersparnisse gehen seltener auf ein generelles Sparkonto, sondern sind häufiger mit einem spezifischen Ausgabezweck verbunden. Ökonomen wie Mullainathan erklären so auch, warum arme Menschen häufig zu viele finanzielle Instrumente laufen haben: Unter dem Druck der Geldknappheit werden jeweils die lokal zweckmässigsten Lösungen gewählt, um drängende Bedürfnisse zu befriedigen, selbst wenn am Ende eine Vielzahl von Kredit- und Finanzverträgen die finanzielle Lage des Betroffenen noch verschlechtert.

Andere Faktoren

Die verhaltensökonomische Armutsforschung leugnet nicht, dass andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen, vermutlich sogar die entscheidendere: das soziale, politische und institutionelle Umfeld zum Beispiel. Sie versucht jedoch zusätzliche Erklärungen zu finden, warum besonders arme Menschen nicht immer so handeln, wie es die Gesellschaft erwartet und die Vernunft nahelegt. Indem sie die Ursachen aufdeckt, lassen sich vielleicht Wege finden, wie sich ein solches Fehlverhalten überwinden lässt.

Andreas Neinhaus
Andreas Neinhaus (Jg. 1963) ist seit 1997 als Redaktor bei «Finanz und Wirtschaft» tätig und schreibt über geld- und währungspolitische sowie konjunkturelle Fragen.

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