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Das griechische Zinswunder

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Null- und Negativzinsen sind international die Norm geworden. Das hat die Bewertung von Anleihen auf den Kopf gestellt, wie das Beispiel Griechenland zeigt. Die wirtschaftliche Situation Griechenlands hat sich verbessert: Kreuzfahrtschiff im Hafen von Piräus. Foto: Keystone Seit die Marktzinsen vielerorts unter null notieren, haben wir uns an die ungewöhnlichen Begleiterscheinungen gewöhnt. Trotzdem überrascht eine Nachricht vom internationalen Anleihenmarkt. Dort rentierten vergangene Woche griechische Staatsanleihen weniger als italienische. Fünf-, sieben- und fünfzehnjährige Anleihen der griechischen Regierung wurden zum Handelsschluss 0,02 Prozentpunkte tiefer verzinst als entsprechende italienische Buoni del Tesoro (BTP). Wie kann das sein? Dazu ein kleiner

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Null- und Negativzinsen sind international die Norm geworden. Das hat die Bewertung von Anleihen auf den Kopf gestellt, wie das Beispiel Griechenland zeigt.

Das griechische Zinswunder

Die wirtschaftliche Situation Griechenlands hat sich verbessert: Kreuzfahrtschiff im Hafen von Piräus. Foto: Keystone

Seit die Marktzinsen vielerorts unter null notieren, haben wir uns an die ungewöhnlichen Begleiterscheinungen gewöhnt. Trotzdem überrascht eine Nachricht vom internationalen Anleihenmarkt. Dort rentierten vergangene Woche griechische Staatsanleihen weniger als italienische. Fünf-, sieben- und fünfzehnjährige Anleihen der griechischen Regierung wurden zum Handelsschluss 0,02 Prozentpunkte tiefer verzinst als entsprechende italienische Buoni del Tesoro (BTP). Wie kann das sein?

Dazu ein kleiner Exkurs zur Preisbildung von Anleihen. Wenn ein Schuldner sich am Markt verschuldet und Kapital aufnimmt, dann zahlt er dem Anleger, der ihm das Schuldpapier – die Anleihe – abkauft, Zinsen und verspricht ihm zudem, das eingesetzte Kapital am Ende der vereinbarten Laufzeit zurückzuzahlen. Die Höhe des Zinssatzes hängt von drei Faktoren ab:

  1. Vom Risiko, dass der Schuldner seiner Verpflichtung nicht nachkommen wird: seiner Bonität
  2. Von der Laufzeit der Anleihe; dahinter steckt die Überlegung, dass das Risiko eines Zwischenfalls bei der Rückzahlung mit wachsender Laufzeit zunimmt
  3. Vom aktuellen Marktumfeld

Griechenland weist eindeutig das höhere Rückzahlungsrisiko auf als Italien. Die Bonität wird von allen Ratingagenturen als deutlich schlechter eingestuft. Die EZB schliesst deshalb griechische Staatsanleihen sogar von ihren Anleihenkäufen aus, als einziges staatliches Schuldenpapier der Eurozone. Griechenland ist zudem das einzige Land Europas, das in der jüngsten Vergangenheit einen Zahlungsausfall erlebte – den grössten anzunehmenden Unfall für Bondinvestoren. Auch der Schuldenberg ist grösser. Gemessen an der eigenen Wirtschaftsleistung, dem Bruttoinlandprodukt, machte er 185 Prozent gegenüber 132 Prozent im Fall Italiens aus. Punkt 1 der Zinskriterien spricht also klar für einen tieferen Risikoaufschlag für Italien als für Griechenland.

Warum die Zinsen so stark fallen

Offensichtlich sehen die Märkte das anders. Denn das aktuelle Umfeld, wo fast nirgendwo mehr positive Marktzinsen gezahlt werden, hat die Kriterien für die Bewertung von Bonds umgestülpt. Nationalbankchef Thomas Jordan erklärte kürzlich einleuchtend, dass globale Ursachen für das fallende Zinsniveau verantwortlich seien. Eine hohe Sparneigung angesichts der demografischen Alterung treffe auf eine geringere Investitionsbereitschaft von Unternehmen und Staaten. Ausserdem würden die Inflationserwartungen sinken.

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Andreas Neinhaus
Andreas Neinhaus (Jg. 1963) ist seit 1997 als Redaktor bei «Finanz und Wirtschaft» tätig und schreibt über geld- und währungspolitische sowie konjunkturelle Fragen.

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