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Keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten?

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Alles im grünen Bereich, sagt die US-Notenbankchefin: Janet Yellen in London am 27. Juni 2017. Foto: Frank Augstein (Keystone) Zehn Jahre sind seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise vergangen. Im Frühjahr 2007 frassen sich erste Verluste aus dem amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt durch die Bankenwelt, im August 2007 kam es zu einem ersten dramatischen Liquiditätsschock im Finanzsystem. Ein gutes Jahr später, im September 2008, stand die Finanzwelt – und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft – am Abgrund. Zehn Jahre sind ein guter Zeitpunkt, um sich zu fragen, ob eine derartige Katastrophe wieder geschehen könnte. Und wenn ja, wann. Eine überaus gewichtige Stimme gibt nun Entwarnung. Janet Yellen, die Vorsitzende der US-Notenbank (Fed), äusserte am Dienstag an einer Konferenz in

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Keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten?

Alles im grünen Bereich, sagt die US-Notenbankchefin: Janet Yellen in London am 27. Juni 2017. Foto: Frank Augstein (Keystone)

Zehn Jahre sind seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise vergangen. Im Frühjahr 2007 frassen sich erste Verluste aus dem amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt durch die Bankenwelt, im August 2007 kam es zu einem ersten dramatischen Liquiditätsschock im Finanzsystem. Ein gutes Jahr später, im September 2008, stand die Finanzwelt – und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft – am Abgrund.

Zehn Jahre sind ein guter Zeitpunkt, um sich zu fragen, ob eine derartige Katastrophe wieder geschehen könnte. Und wenn ja, wann.

Eine überaus gewichtige Stimme gibt nun Entwarnung. Janet Yellen, die Vorsitzende der US-Notenbank (Fed), äusserte am Dienstag an einer Konferenz in London folgende Worte:

Would I say there will never, ever be another financial crisis? You know probably that would be going too far but I do think we’re much safer and I hope that it will not be in our lifetimes and I don’t believe it will be.

Auf Deutsch also ungefähr:

Würde ich sagen, dass es niemals wieder eine Finanzkrise geben wird? Das würde wohl zu weit gehen, aber ich denke, wir sind heute viel sicherer, und ich hoffe, dass es zu unseren Lebzeiten nicht mehr geschehen wird. Ich glaube auch, das wird es nicht.

Das sind starke Worte. Keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten.

Dabei bleibt freilich einiges offen: Wie definiert Janet Yellen den Begriff Finanzkrise? Und was ist ihre zeitliche Definition von «unseren Lebzeiten»? Was meint sie genau, wenn sie sagt, das Finanzsystem sei heute viel sicherer?

Trotzdem ist es eine unfassbar dumme Aussage. Wieso? Drei Gründe sollten stutzig machen:

  • Erstens, weil es unmöglich ist, mit einem derartigen Grad an Gewissheit zu sagen, was an den Finanzmärkten in Zukunft geschehen wird.
  • Zweitens, weil Finanzkrisen in der Vergangenheit viel häufiger geschehen sind, als sie in einer statistisch normal verteilten Welt eigentlich sollten.
  • Drittens, weil sich Yellen einer Reihe von Bankern, Ökonomen und Notenbankern anschliesst, die mit trügerischer Gewissheit Aussagen zur Stabilität der Finanzmärkte machten – und die wenig später wie Trottel aussahen.

Schauen wir uns die Argumente etwas genauer an.

Zum ersten Punkt: Der Verlauf an den Finanzmärkten ist schlichtweg nicht prognostizierbar. Das ist deshalb so, weil die Finanzmärkte ein hoch komplexes, adaptives System sind. Dieses System besteht aus Millionen einzelner Marktteilnehmer, die jeden Tag von ihren Emotionen und von anderen Marktteilnehmern beeinflusst werden. Diese Marktteilnehmer handeln nicht wie Maschinen, sondern sie pendeln dauernd zwischen Gier und Angst.

In derartig komplexen, adaptiven Systemen entstehen Abhängigkeiten, Bruchlinien und Fragilitäten, die oberflächlich – sozusagen im ungeschockten Zustand – kaum erkennbar sind, die aber jederzeit aufbrechen können.

Wer hätte zum Beispiel geahnt, dass vor fast exakt zehn Jahren eines der ersten Opfer des amerikanischen Subprime-Problems – von Krise war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede – die Landesbank Sachsen sein würde?

Zum zweiten Punkt: Finanzkrisen sind Extremereignisse. Würde die Preisentwicklung an den Finanzmärkten einem statistisch normal verteilten Muster folgen, wären Extremereignisse extrem selten. Doch dem ist nicht so. Nur schon ein Blick auf die letzten dreissig Jahre zeigt, wie oft die Weltwirtschaft von übernationalen Finanzkrisen heimgesucht wurde:

  • Die Subprime-Krise von 2008
  • Das Platzen der Technologieblase kurz nach der Jahrtausendwende
  • Die Asienkrise von 1997/98, der sogleich die Russlandkrise sowie der Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM folgte
  • Die Tequila-Krise von Mexiko von 1994
  • Der Börsencrash an der Wallstreet im Oktober 1987
  • Die Schwellenländer-Krise von 1982

Nationale Finanzkrisen wie in der Schweiz, in Schweden, Kanada, Finnland oder Japan – wo Ende der Achtzigerjahre ein Monster von Finanzblase platzte – sind in dieser Aufzählung...

Mark Dittli
Mark Dittli (* 1974) ist ein Schweizer Finanz- und Wirtschaftsjournalist. Er ist seit 2012 Chefredaktor von Finanz und Wirtschaft.

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