Wednesday , June 16 2021
Home / Ökonomenstimme / Ist FinTech systemrelevant?

Ist FinTech systemrelevant?

Summary:
FinTech erhöht die Performance etablierter Finanzinstitute und gewinnt zunehmend an Bedeutung in der Finanzbranche. Spätestens seit dem Wirecard-Skandal gilt es aber genau zu beobachten, ob FinTech-Unternehmen das systemische Risiko der Finanzbranche verringern können oder aber selber ein solches Risiko darstellen. „Aktuell gehen keine systemischen Risiken von den FinTech-Unternehmen in Deutschland aus“, resümierten Gregor Dorfleitner und ich vor fünf Jahren in einem gemeinsamen Gutachten[ 1 ] zum deutschen FinTech-Markt, das wir für das Bundesministerium der Finanzen (BMF) schrieben. Spätestens am 18. Juni 2020, als die Wirecard-Aktie innerhalb eines Tages um rund 50 Prozent einbrach, war ich mir über die Systemirrelevanz von FinTech-Unternehmen in Deutschland nicht mehr sicher.

Topics:
Lars Hornuf considers the following as important:

This could be interesting, too:

Swiss National Bank writes 2021-06-14 – Press release – Important monetary policy data for the week ending 11 June 2021

Liliane HeldKhawam writes La 1ère preuve que les segments d’ARN peuvent être réécrits dans l’ADN. Et ça change tout!

Cash News writes Performance der Pensionskassen weiterhin im grünen Bereich

Liliane HeldKhawam writes Quelques nouvelles du soleil.

FinTech erhöht die Performance etablierter Finanzinstitute und gewinnt zunehmend an Bedeutung in der Finanzbranche. Spätestens seit dem Wirecard-Skandal gilt es aber genau zu beobachten, ob FinTech-Unternehmen das systemische Risiko der Finanzbranche verringern können oder aber selber ein solches Risiko darstellen.

„Aktuell gehen keine systemischen Risiken von den FinTech-Unternehmen in Deutschland aus“, resümierten Gregor Dorfleitner und ich vor fünf Jahren in einem gemeinsamen Gutachten[ 1 ] zum deutschen FinTech-Markt, das wir für das Bundesministerium der Finanzen (BMF) schrieben. Spätestens am 18. Juni 2020, als die Wirecard-Aktie innerhalb eines Tages um rund 50 Prozent einbrach, war ich mir über die Systemirrelevanz von FinTech-Unternehmen in Deutschland nicht mehr sicher. Die mit Wirecard verbunden Geschäftsmodelle und Marktvolumina waren intransparent und Informationen zu den Kooperationspartnern nicht vertrauenswürdig. Auch am Tag der Insolvenz fragte ich mich noch, ob das DAX-Unternehmen Too-Big-to-Fail oder Too-Systemic-to-Fail ist. Gibt es möglicherweise andere Unternehmen, die mit ihrer Finanztechnologie tief in die deutsche Wirtschaft hinein verflochten sind, und haben die Aufsichtsbehörden diese Entwicklung der Technologiekonzerne möglicherweise übersehen?

Zunehmende Bedeutung in der Finanzbranche

Moderne Finanztechnologie wird mittlerweile auch von etablierten Finanzinstituten, Technologie- und Industriekonzernen entwickelt und betrieben. Durch Kooperationen integrieren diese Unternehmen FinTech-Dienstleistungen in traditionelle wirtschaftliche Aktivitäten wie etwa den kreditfinanzierten Autokauf. Amazon Lending, das Kreditvermittlungsprogramm für Amazon-Händler, Apple Pay, das Zahlungssystem des US-amerikanischen Technologiekonzerns Apple, und ROBIN, der Robo Advisor der Deutschen Bank, sind nur einige Beispiele dafür, wie sich FinTech den Weg in Technologiekonzerne und etablierte Finanzinstitute gebahnt hat. Nicht ohne Grund definierte die Europäische Bankenaufsichtsbehörde „FinTech“ im Jahr 2017 „[…] as technology-enabled innovation in financial services that could result in new business models, applications, processes or products with an associated material effect on the provision of financial services.“[ 2 ] Eine Beschränkung auf Start-up-Unternehmen sucht man in dieser Definition vergebens.

Die Causa Wirecard wurde mittlerweile schneller geschlossen, als man es im vergangenen Sommer vielleicht noch erwartet hätte. Bereits Ende 2020 kaufte die spanische Santander das Wirecard-Kerngeschäft inklusive Technologie und die Wirecard Bank dem Insolvenzverwalter ab. Auch wenn Wirecard dem Anschein nach reibungslos abgewickelt wurde, bleibt weiterhin offen, ob andere FinTech-Unternehmen nicht auch systemrelevant sind.

FinTech wächst und wird aufsichtsrechtlich erwachsen

Einzelne FinTech-Geschäftsmodelle entwickelten sich in den letzten Jahren rasant, etwa die Vermittlung von Bankeinlagen ins europäische Ausland, die im Jahr 2020 mit 44 Mrd. Euro bei deutschen Kundinnen und Kunden zu Buche schlug.[ 3 ] Dabei verweisen Einlagenvermittlungsplattformen wie Raisin[ a ] auf die im Jahr 2014 revidierte EU-Richtlinie zur Einlagensicherung (Richtlinie 2014/49/EU), um Kundinnen und Kunden im Rahmen der harmonisierten Einlagensicherung Produkte anzubieten, die Zinsvorteile von Kreditinstituten in anderen EU-Mitgliedstaaten ausnutzen. Raisin vermittelt mittlerweile nicht mehr nur Tages- oder Festgelder in das EU-Ausland, sondern bietet ausländischen Instituten Bankensoftware für das Einlagengeschäft an. Inwiefern daraus wirtschaftliche Vernetzungen und Risiken entstehen, kann nur von Fall zu Fall beurteilt werden. Nicht zu unterschätzen dürften bei Bankensoftware die Risiken im Bereich Datenschutz und Datensicherheit sein. Im Jahr 2014 war die amerikanische JPMorgan Chase Bank Opfer einer der größten Cyberangriff der Geschichte, bei dem Informationen von 83 Million Konten und 7 Millionen Kleinstunternehmen kompromittiert wurden.

Die Veröffentlichungspflichten der in der Regel nicht-börsennotierten FinTech-Unternehmen sind vergleichsweise gering. Bislang unterstehen die meisten FinTechs nicht der Bankenaufsicht und die Geschäftsmodelle bleiben häufig intransparent. Crowdinvesting-Plattformen können zum Beispiel als Finanzanlagenvermittler nach § 34f Gewerbeordnung agieren. Kontoinformations- und Zahlungsauslösedienste wurden erst mit der Zweiten Zahlungsdiensterichtlinie und deren Umsetzung durch das neue Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz in den Katalog der Zahlungsdienste aufgenommen und benötigen seither eine Erlaubnis durch die BaFin. FinTech wird aufsichtsrechtlich zunehmend erwachsen.

FinTech könnte das systemische Risiko der Finanzbranche verringern

Bereits im Jahr 2018 beschrieb die Europäische Bankenaufsichtsbehörde in einem Bericht[ 4 ] sieben FinTech-Anwendungsbereiche und erörterte die damit verbundenen aufsichtsrechtlichen Chancen und Risiken, die sich für Finanzinstitute durch FinTech ergeben. Als relevante Technologien wurden dabei u.a. Authentifizierungssysteme, Robo-Advice, Maschinelles Lernen, Credit Scoring, Distributed Ledger Technologie sowie Cloud Computing genannt. Der Zugang zu alternativen Finanzierungsformen wie Marktplatz- oder mobilen Krediten, die in geringerem Maße mit anderen Krediten und Institutionen korrelieren, kann das systemische Risiko in der Finanzbranche theoretisch verringern. Ein größerer Anteil von Marktplatz- oder mobilen Krediten könnte zum Beispiel die Systemrelevanz etablierter Institute mindern, insbesondere wenn die Kreditmarktplätze mit kleineren Banken zusammenarbeiten, deren Geschäftsmodelle auf Banking-as-a-Service basieren.

Positive Effekte von Fintech auf Performance etablierter Finanzinstitute

In einem aktuellen Arbeitspapier[ 5 ] untersuchen Christian Haddad und ich die Auswirkungen von FinTech-Startups auf die Performance und das Ausfallrisiko etablierter Finanzinstitute. Wir belegen darin einen positiven Zusammenhang zwischen der Gründung von FinTech-Startups und der darauf folgenden Performance etablierter Institute für den Zeitraum von 2005 bis 2018 sowie eine Stichprobe von 8.092 Finanzinstituten aus 87 Ländern. Gründungen von FinTech-Startups gehen mit höheren Nettozinsspannen, Eigenkapitalrenditen, Returns on Assets und jährlichen Aktienrenditen etablierter Institute einher. Außerdem fielen Gründungen von FinTech-Startups mit einem geringeren Z-Score[ 6 ] und einer geringeren Volatilität der Aktienrenditen etablierter Institute zusammen. Schließlich waren Gründungen von FinTech-Startups mit einem niedrigeren systemischen Risiko etablierter Institute korreliert, das mit dem Marginal Expected Shortfall gemessen wurde.

FinTechs bedürfen weiterhin guter Beobachtung durch Politik und Aufsichtsbehörden

Die Legislative und Aufsichtsbehörden sollten die Entwicklung von FinTech-Startups sehr genau beobachten, da Fintechs nicht nur die Performance des etablierten Finanzsektors beeinflussen, sondern auch die finanzielle Stabilität im Verhältnis zum Status quo verändern können. Unsere ersten empirischen Ergebnisse deuten darauf hin, dass FinTech-Startups durchaus einen positiven Effekt auf etablierte Institute haben.

Inwiefern das auch für Technologiekonzerne und etablierte Finanzinstitute gilt, die moderne Finanztechnologie entwickeln und vertreiben, sollte kontinuierlich überprüft werden. Das gilt insbesondere deshalb, weil viele Unternehmen, die Finanztechnologie entwickeln, weder einer intensiven Finanzaufsicht unterstehen noch sonderlich transparent in der Offenlegung der Geschäftstätigkeit sind. Ein Satz aus dem eingangs erwähnten BMF-Gutachten gilt deshalb weiterhin: „Die weitere Entwicklung [der FinTechs] sollte […] sehr genau verfolgt werden.“


©KOF ETH Zürich, 25. Mai. 2021

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *