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Warum die Wirtschaftspolitik von der Entrepreneurshipforschung profitiert

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Unternehmertum ist vielfältig und differenziert sich weiter aus. Die Entrepreneurshipforschung beleuchtet in interdisziplinärer Weise die Ziele der GründerInnen und die unterschiedlichen Unternehmensentwicklungen. Dadurch bietet sie wichtige Erkenntnisse für die Wirtschaftspolitik. Mit seinem ersten Entwurf der "Nationalen Industriestrategie 2030" stieß Bundesminister Peter Altmaier im Frühjahr 2030 auf großen Widerspruch seitens der Wirtschaft und Wissenschaft – nicht zuletzt, weil darin ein Unternehmensbild hervorgehoben wurde, das eigentlich schon seit den 1970er Jahren überholt zu sein schien: Die Ansicht, dass nur große Unternehmen realistische Chancen im (globalen) Wettbewerb besitzen. Lange Zeit standen in den Wirtschaftswissenschaften die Großunternehmen im Fokus der

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Unternehmertum ist vielfältig und differenziert sich weiter aus. Die Entrepreneurshipforschung beleuchtet in interdisziplinärer Weise die Ziele der GründerInnen und die unterschiedlichen Unternehmensentwicklungen. Dadurch bietet sie wichtige Erkenntnisse für die Wirtschaftspolitik.

Mit seinem ersten Entwurf der "Nationalen Industriestrategie 2030" stieß Bundesminister Peter Altmaier im Frühjahr 2030 auf großen Widerspruch seitens der Wirtschaft und Wissenschaft – nicht zuletzt, weil darin ein Unternehmensbild hervorgehoben wurde, das eigentlich schon seit den 1970er Jahren überholt zu sein schien: Die Ansicht, dass nur große Unternehmen realistische Chancen im (globalen) Wettbewerb besitzen.

Lange Zeit standen in den Wirtschaftswissenschaften die Großunternehmen im Fokus der wissenschaftlichen Forschung. Sowohl Gründungen als auch kleine Unternehmen wurden als eine vorübergehende Phase in der Unternehmensentwicklung verstanden. Die Person der Unternehmerin oder des Unternehmers fand weder in den Modellen und Theorien der VolkswirtInnen noch in der Betriebswirtschaft Berücksichtigung. Sie war – wie es der Ökonom und Entrepreneurshipforscher Israel Kirzner einmal trefflich beschrieb – eher ein „analytisches Ärgernis für den Wirtschaftswissenschaftler“ (1997). Erst als in Folge der Ölkrise und der global rasch ansteigenden Arbeitslosigkeit in den 1970er Jahren das öffentliche und wirtschaftspolitische Interesse an der volkswirtschaftlichen Bedeutung von neuen, jungen und mittelständischen Unternehmen zunahm, gewann die Entrepreneurshipforschung insgesamt an Bedeutung.

Funktionale betriebswirtschaftliche Betrachtung reicht nicht aus

Seither beschäftigen sich ÖkonomInnen dieses Forschungsgebietes intensiver mit Fragen wie den Folgenden: Was bewegt Menschen dazu, UnternehmerIn zu werden? Warum wächst nicht jedes neue Unternehmen zu einem großen Weltkonzern heran? Liegt es an einzelnen persönlichen Fähigkeiten und Kompetenzen, wenn sich das eine Unternehmen besser entwickelt als das andere? Oder lassen sich über einen längeren zeitlichen Abschnitt hinweg bestimmte Rahmenbedingungen beobachten, die sich positiv auf die Entwicklung des Unternehmertums auswirken? Welchen Beitrag leisten neue und kleine Unternehmen zur volkswirtschaftlichen Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit – und wie kann dieser positiv beeinflusst werden?

Die Studienergebnisse führten in den Wirtschaftswissenschaften rasch zu der Erkenntnis, dass die bis dato vorherrschende funktionale betriebswirtschaftliche Sichtweise nicht ausreichte, um die von außen oft chaotisch wirkende Entwicklung eines jungen Unternehmens zu verstehen. Anstatt die UnternehmerInnen rein statistisch zu zählen, betrachtete man nun deren individuellen Ziele sowie ihren persönlichen Antrieb bei der Gründung und Unternehmensleitung. Dies führte unter anderem zum Ergebnis, dass der Beitrag, den beispielsweise Neugründungen und selbstständige FreiberuflerInnen zur volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung leisten, nur bedingt verallgemeinert werden kann (Vgl. Baumol 2003): Der Eine sucht die berufliche Selbstständigkeit, um sich selbst mit seiner Idee zu verwirklichen. Eine Andere sieht die eigene unternehmerische Betätigung als eine vorübergehende Möglichkeit an, die eigene Existenz zu sichern. Ein Dritter startet ohne MitarbeiterInnen – und beabsichtigt auch ein Einpersonenunternehmen zu bleiben. Zusammengerechnet ist der wirtschaftliche Beitrag all dieser Unternehmensformen jedoch nicht unerheblich. Allein in der Gründungsphase investieren die mittelständischen UnternehmerInnen laut Berechnungen des IfM Bonn im Durchschnitt 66 Cent von jedem Euro Umsatz in Vorleistungen wie Einrichtungsgegenstände, Betriebsmittel und Produktionsanlagen (Vgl. Schneck 2013).

Berufliche Selbstständigkeit wird immer vielfältiger

Am Beispiel der Mittelstandsforschung in Deutschland lässt sich zudem sehr gut aufzeigen, welchen Wert die Forschung, die sich mit der wirtschaftlichen Situation der Familienunternehmen und den unterschiedlichsten Herausforderungen beschäftigt, inzwischen besitzt: In den 1990er Jahren prognostizierten beispielsweise eine Reihe von ÖkonomInnen den mittelständischen Unternehmen aufgrund des sektoralen und globalen Strukturwandels sowie des technologischen Fortschritts eine negative Entwicklung: Vorgezeichnet wurden sowohl ein Rückgang der Erwerbsarbeit als auch eine Steigerung der Feierabendselbstständigen und proletaroiden[1] Existenzen sowie eine sich öffnende Einkommensschere. Tatsächlich haben die Globalisierung sowie der sich beschleunigende technologische und demografische Wandel dazu beigetragen, dass sich die Unternehmenslandschaft sektoral und größenmäßig ausdifferenziert hat. Ausgewirkt haben sich aber auch die verstärkte Individualisierung der Nachfrage sowie der Trend vom Güterbesitz zum Güternutzen (Stichworte "Carsharing", Eigentum an Ideen) und die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen: So entstanden beispielsweise neue Beschäftigungsfelder und Berufe in den unternehmensorientierten Dienstleistungen, im Bereich Gesundheit und Pflege sowie in der Kreativwirtschaft. Zugleich sanken aufgrund der fortschreitenden Entwicklungen in den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) die Markteintrittsbarrieren für Selbstständige in vielen Bereichen – insbesondere jedoch in den Freien Berufen.

Aktuell beobachten wir, dass die Art und Weise, wie Selbstständigkeit praktiziert wird, sich noch weiter ausdifferenziert – und sich zugleich zu einem immer selbstverständlicheren Teil unseres Lebens entwickelt. So setzt Unternehmertum heute weder automatisch das Eigentum an Produktionsmitteln voraus noch die Beschäftigung eigener MitarbeiterInnen. Und statt Unternehmenswachstum strebt der Gründer oder die Gründerin unter Umständen nach einer gewissen Zeit den Verkauf des Unternehmens sowie die Umsetzung einer neuen Geschäftsidee an oder wechselt in eine abhängige Tätigkeit.

Interdisziplinärer Blick auf das Unternehmertum

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Entrepreneurshipforschung zu einem eigenständigen akademischen Wissenschaftsfeld entwickelt, innerhalb dessen vielfältige theoretische Erklärungen für unternehmerisches Handeln jedweder Art gefunden sowie individuelle und kontextuelle Einflussfaktoren identifiziert wurden. Ein positiver Aspekt ist dabei, dass die Entrepreneurshipforschung interdisziplinär angelegt ist: Auf den internationalen Konferenzen treffen sich neben WirtschaftswissenschaftlerInnen auch SoziologInnen, WirtschaftsgeografInnen, HistorikerInnen oder PsychologInnen. Je besser man schließlich den persönlichen Antrieb der UnternehmerInnen kennt, desto leichter gelingt es, in der Wirtschaftsforschung unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, die Rahmenbedingungen für UnternehmerInnen zu hinterfragen und konkrete Handlungshilfen für die Wirtschaftspolitik zu erarbeiten. In den endgültigen Fassungen der Industrie 2030 und der Mittelstandsstrategie des Bundeswirtschaftsministeriums hat dieser erweiterte Blickwinkel auf alle Unternehmen letztlich auch Berücksichtigung gefunden.

Die Entrepreneurshipforschung wird sicherlich mit ihrer umfassenden Betrachtungsweise auf das unternehmerische Handeln weiter an Bedeutung gewinnen. Entscheidend hierfür ist jedoch, dass wir WissenschaftlerInnen uns weiterhin im alltäglichen Umfeld offen gegenüber Neuem und scheinbar (Un-)Gewöhnlichem zeigen. Unter Umständen ist ja gerade das, was uns WissenschaftlerInnen als außergewöhnlich erscheint und was wir theoretisch (noch) nicht erklären können, genau die Form von Unternehmertum, die sich zukünftig durchsetzen wird.

Baker, T.; Welter, F. (2018): Contextual Entrepreneurship: An Interdisciplinary Perspective, in: Foundations and Trends in Entrepreneurship, Vol. 14, Issue 4, S. 357-426.

Baumol, W. J. (2003): On Austrian Analysis of Entrepreneurship and my own, in: Austrian Economics and Entrepreneurial Studies. Advances in Austrian Economics, Volume 6, S. 57-66.

Kirzner, I. M. (1997): How Markets Work: Disequilibrium, Entrepreneurship and Discovery, London.

Pahnke, A.; Welter. F. (2019): The German Mittelstand: antithesis to Silicon Valley entrepreneurship?, in: Small Business Economics,  52 (2), S. 345-358.

Schneck, S.; May-Strobl, E. (2013): Wohlstandseffekte des Gründungsgeschehens, IfM Bonn, IfM-Materialien Nr. 223, Bonn.

Welter,  F.;  Baker, T. (Hrsg., 2014): The Routledge Companion to Entrepreneurship, Routledge, Abingdon.

Welter, F.; Levering, B.; May-Strobl, E. (2016): Mittelstandspolitik im Wandel, IfM Bonn: IfM Materialien Nr. 247, Bonn.


©KOF ETH Zürich, 13. Mär. 2020

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