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Geben ist besser als Nehmen – Mit sozialem Crowdfunding aus der Coronakrise

Summary:
Die Corona-Krise wird zu einer erheblichen Ausgabensteigerung und Neuverschuldung des Staates führen. Als Alternative zu bereits diskutierten Finanzierungsmaßnahmen wie einer Vermögensteuer oder Corona-Bonds schlägt der vorliegende Beitrag soziales Crowdfunding vor und diskutiert die potentiellen Vorteile sowie die Umsetzbarkeit. Die Coronakrise und der damit verbundene Shutdown werden zu erheblichen Kosten für Deutschland führen, laut Ifo-Institut könnte der Einbruch der Wirtschaftsleistung bis zu 20,6 Prozentpunkte betragen. Um diese volkswirtschaftlichen Kosten möglichst gering zu halten, hat der Staat bereits umfangreiche Hilfspakete beschlossen, die haushaltswirksame Maßnahmen von insgesamt 363,3 Milliarden Euro, Garantien im Umfang von 819,7 Milliarden Euro und neue Kredite

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Ludger Heidbrink, Ulrich Schmidt considers the following as important:

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Die Corona-Krise wird zu einer erheblichen Ausgabensteigerung und Neuverschuldung des Staates führen. Als Alternative zu bereits diskutierten Finanzierungsmaßnahmen wie einer Vermögensteuer oder Corona-Bonds schlägt der vorliegende Beitrag soziales Crowdfunding vor und diskutiert die potentiellen Vorteile sowie die Umsetzbarkeit.

Die Coronakrise und der damit verbundene Shutdown werden zu erheblichen Kosten für Deutschland führen, laut Ifo-Institut könnte der Einbruch der Wirtschaftsleistung bis zu 20,6 Prozentpunkte betragen. Um diese volkswirtschaftlichen Kosten möglichst gering zu halten, hat der Staat bereits umfangreiche Hilfspakete beschlossen, die haushaltswirksame Maßnahmen von insgesamt 363,3 Milliarden Euro, Garantien im Umfang von 819,7 Milliarden Euro und neue Kredite in Höhe von rund 156 Milliarden Euro umfassen. Auch wenn momentan schon Schritte zur Beendigung des Shutdowns eingeleitet worden sind, ist unsicher, ob die staatlichen Hilfspakete ausreichen oder in Zukunft weitere Maßnahmen notwendig werden. Zudem wurden für den Zeitraum nach dem Shutdown bereits verschieden Konjunkturprogramme ins Auge gefasst, die ebenfalls mit erheblichen Kosten verbunden wären.

Aufgrund dieser Zahlen stellt sich unmittelbar die Frage, wie die gesamten Hilfsmaßnahmen finanziert werden können, ohne dass die Neuverschuldung ausufert. Von der SPD und der Linken wurde in diesem Zusammenhang bereits eine einmalige Vermögensabgabe gefordert. Auch das DIW hat eine Vermögensabgabe in Kombination mit einem „Corona-Soli“ in Form eines Zuschlages zur Einkommensteuer für Besserverdienende vorgeschlagen. Zudem sind europäische Corona-Bonds seit längerem in der Diskussion.

Soziales Crowdfunding als Alternative

Wir möchten einen alternativen Lösungsweg propagieren, um die Neuverschuldung der öffentlichen Haushalte zu begrenzen: Der deutsche Staat richtet einen Crowdfunding-Pool ein, in den alle, die es sich leisten können und wollen, einen frei wählbaren Betrag einzahlen. Das eingesammelte Geld wird dann für die Fortsetzung der Corona-Maßnahmen verwendet, die bislang aus dem Staatshaushalt finanziert wurden.

Es gibt eine Reihe von Annahmen, warum dieses Modell funktionieren könnte. Verhaltensökonomische Forschungen haben gezeigt, dass Menschen bereit sind, mehr Geld auszugeben als einzunehmen, wenn sie damit soziale Zwecke verbinden. Die Bereitschaft, aus Gründen der Solidarität oder Fairness den Eigennutzen zurückzustellen oder Nachteile in Kauf zu nehmen, ist empirisch gut belegt. Nicht nur Experimente im Labor, sondern reale Verhaltensweisen wie Spendenbereitschaft oder zivilgesellschaftliches Engagement zeigen, dass soziale Präferenzen unter bestimmten Bedingungen wichtiger sind als die persönliche Nutzenmaximierung. Gerade auch sehr reiche Personen sind häufig bereit, sich für soziale Belange zu engagieren. Prominente Beispiele sind die Initiative „The Giving Pledge“, die von Bill Gates und Warren Buffett ins Leben gerufen wurde, oder die Skala-Initiative von Susanne Klatten. Wie stark altruistische Impulse gerade in Krisenzeiten ausgeprägt sind, hat sich bereits in der Coronakrise auf eindrückliche Weise gezeigt – von ehemaligen PflegerInnen, die in die Krankenhäuser zurückgekehrt sind, und pensionierten ÄrztInnen, die beim Aufbau von Notkliniken helfen, über Unternehmen, die Material und Maschinen zur Verfügung stellen, bis zu Gutscheinaktionen im Internet, mit denen geschlossene Geschäfte, Restaurants und Friseursalons unterstützt wurden.

Zur Ausgestaltung des Corona-Crowdfunding

Soziale Einstellungen sind vorhanden, sie müssen allerdings, wie Peter Singer und William MacAskill mit ihrer Idee des „effektiven Altruismus“ gezeigt haben, wirksam umgesetzt und organisiert werden. Das Crowdfunding-Modell könnte so aussehen: BürgerInnen, Organisationen und Unternehmen zahlen in einen gemeinsamen Pool ein. Dabei gibt es mehrere Varianten, die miteinander kombinierbar sind: Die Einzahlungen finden als Zustiftung statt, lassen sich also von der Steuer absetzen, oder sie werden als Kredit an die bedürftigen Unternehmen wieder ausgegeben, so dass die späteren Tilgungen dann an die ursprünglichen SpenderInnen zurückverteilt werden können. Kombiniert man die Varianten, handelt sich um eine Mischform aus Social Giving (Spenden) und Crowdfunding (Investitionen). Die hybride Gestaltung des Pools verspricht eine größere Effektivität: Spenden sprechen den Altruismus an, Investitionen das wirtschaftliche Kalkül.

Die Vorteile des sozialen Crowdfunding liegen auf der Hand. Zuallererst lässt sich durch die eingesammelten Mittel der Shutdown bei Bedarf wieder aufnehmen und verlängern. Es wird Zeit gewonnen, um sinnvolle Strategien zu überprüfen. Wenn der Shutdown aufgehoben wird, stehen Reservemittel zur Verfügung, mit dem sich Versorgungs- und Vorsorgemaßnahmen verbessern oder Konjunkturpakete (teil)finanzieren lassen. Somit könnte auch eine stärkere Rezession abgemildert werden. Konflikte, die zwischen ökonomischen und gesundheitlichen Zielen bestehen, wie bei Triage-Fällen in Krankenhäusern, ließen sich auf diese Weise in Zukunft entschärfen.

Anreize und Vorteile gegenüber einer Vermögensabgabe

Worin aber liegen die Anreize und Motive, in den Pool einzuzahlen? Die Anreize liegen darin, dass im Prinzip alle, die jetzt und in Zukunft Anspruch auf staatliche Kredite oder Unterstützungen haben, davon profitieren werden. Auch wenn man nicht direkt von den Einzahlungen profitiert, tragen diese, wie beschrieben, zu einer Stabilisierung der gesamtgesellschaftlichen Situation bei, von der ebenfalls alle etwas haben. Dadurch lässt sich auch vermeiden, dass die bereits oben erwähnten Vermögensabgaben oder Solidarbeiträge zwangsweise erhoben werden.

Soziales Crowdfunding hat einige klare Vorteile gegenüber einer Vermögensabgabe. Neben den bekannten Nachteilen von Vermögensabgaben wie den hohen Kosten der Vermögensermittlung, der Schwächung von Unternehmen bei der Besteuerung von Betriebsvermögen und der Gefahr der Abwanderung besonders vermögender Personen ins Ausland ist hier insbesondere der gesellschaftliche Zusammenhalt zu nennen. Während soziales Crowdfunding eine eindeutig solidarische Lösung darstellt, können Vermögensabgaben eine neue Neid-Debatte auslösen und insbesondere auch Unternehmen belasten, die sich gerade vehement für einen Erhalt der Arbeitsplätze einsetzen. Das soziale Crowdfundig könnte zudem auf europäischer Ebene implementiert werden und somit eine Alternative zu Corona-Bonds darstellen, die zwar als ein Zeichen europäischer Solidarität anzusehen wären, aber keinen Ausweg aus einer drohenden Verschuldungskrise liefern.

Erhöhte Zielgenauigkeit bei den Unterstützungszahlungen nötig

Während die Vorzüge des sozialen Crowfunding auf der Einnahmenseite somit klar ausgeprägt erscheinen, bleiben auf der Ausgabenseite allerdings die gleichen Probleme wie beim letzten Rettungspaket bestehen. Insbesondere werden durch das Gießkannenprinzip falsche Anreize gesetzt, so dass es zu Fehlallokationen und Trittbrettfahrerverhalten wie Inanspruchnahme der staatlichen Leistungen ohne tatsächliche Bedürftigkeit kommen kann. Hier sollte man noch einmal genauer überlegen, wie die Zielgenauigkeit der Mittel durch professionelleres Management verbessert werden kann, ohne bürokratische Hürden auszubauen und eine schnelle Hilfe zu gefährden. Derartige Überlegungen sind jedoch auch bei einer staatlichen Finanzierung eines zweiten Hilfspaketes angezeigt.    

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es gute Gründe gibt, warum soziales Crowdfunding bei der Coronakrise funktionieren könnte. Eine solidarische Lösung würde bewirken, dass die Bevölkerung in der Krise noch näher zusammenrückt. Die Notlage stärkt soziale Präferenzen und damit die Mittelverfügbarkeit. Zudem besitzt zivile Handlungsbereitschaft Vorbildfunktion und bewirkt positive Nachahmeffekte: Geben ist besser als Nehmen.

In seinem Buch Moral Economy hat der Ökonom Samuel Bowles gezeigt, dass durch das Zusammenspiel von „good citizens“ und „good incentives“ nachhaltige Wohlfahrtseffekte entstehen. Der Crowdfunding-Pool könnte ein crowding in sozialer Normen und Einstellungen bewirken. Er wäre deshalb auch die Probe auf das Exempel einer moralischen Ökonomie.

©KOF ETH Zürich, 29. Mai. 2020

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