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Deutschland verliert seine Einsteins

Summary:
High-Tech-Firmen wie Google oder Amazon kommen nicht aus Deutschland, sondern aus den USA. Das hat mit einem beunruhigenden Problem zu tun: Kinder aus ärmeren Elternhäusern und Mädchen werden benachteiligt. Warum kommen Google, Amazon und Facebook nicht aus Deutschland? Eine typische Antwort auf diese Frage ist Deutschlands unversöhnliche Haltung gegenüber dem Scheitern. Während in den USA das Scheitern als Nebenprodukt des Erfolgs angesehen wird, wird es hier nie verziehen. Aber es gibt einen weiteren, viel beunruhigenden Grund für das Fehlen von High-Tech-Firmen in Deutschland: die verloren gegangenen Einsteins. Die potenziellen Pioniere, die aus den talentiertesten Kindern aus benachteiligten Elternhäusern in Deutschland hätten hervorgehen können. Niedrige soziale Mobilität In

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Dalia Marin considers the following as important:

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High-Tech-Firmen wie Google oder Amazon kommen nicht aus Deutschland, sondern aus den USA. Das hat mit einem beunruhigenden Problem zu tun: Kinder aus ärmeren Elternhäusern und Mädchen werden benachteiligt.

Warum kommen Google, Amazon und Facebook nicht aus Deutschland? Eine typische Antwort auf diese Frage ist Deutschlands unversöhnliche Haltung gegenüber dem Scheitern. Während in den USA das Scheitern als Nebenprodukt des Erfolgs angesehen wird, wird es hier nie verziehen.

Aber es gibt einen weiteren, viel beunruhigenden Grund für das Fehlen von High-Tech-Firmen in Deutschland: die verloren gegangenen Einsteins. Die potenziellen Pioniere, die aus den talentiertesten Kindern aus benachteiligten Elternhäusern in Deutschland hätten hervorgehen können.

Niedrige soziale Mobilität

In einem kürzlich erschienenen Bericht der OECD zur sozialen Mobilität wird Deutschland als das OECD-Land mit einer der niedrigsten sozialen Mobilitäten identifiziert. Der Bericht zeigt, dass der elterliche Hintergrund entscheidend für das Erreichen des sozialen Status in der nächsten Generation ist. Deutschland weist eine Elastizität der intergenerationellen Mobilität von 50% auf. Das bedeutet: Hat ein Vater ein doppelt so hohes Einkommen wie ein anderer Vater, dann verdient der Sohn von ersterem Vater 50% mehr als der Sohn des zweiten Vaters. Je höher diese Elastizität ist, umso größer ist die Einkommensbeständigkeit über die Generationen hinweg und umso niedriger ist die soziale Mobilität. Die Länder der OECD weisen im Durchschnitt eine Elastizität von 38% auf. Auch scheint die soziale Mobilität in der jüngsten Generation X sogar abgenommen zu haben.

Die verlorene Chance

Ungleichheit in den Möglichkeiten ist zutiefst unfair. Aber die soziale Mobilität einer Gesellschaft sollte uns auch aus einem anderen Grund nicht kalt lassen: Sie bestimmt die Innovationsrate und damit das Wachstum eines Landes. Die Ungleichheit in den Möglichkeiten bestimmt die absolute Anzahl von Erfindern, die ein Land hat.

In einer bahnbrechenden neuen Forschungsarbeit untersucht Raj Chetty von der Harvard Universität mithilfe von Big Data, welche Menschen Erfinder werden. Chetty verbindet Daten von 1.2 Millionen Erfinderinnen und Erfindern in den USA, deren Einkommen und das ihrer Eltern, ihre Schulbildung und Testergebnisse in Mathematik. Als erstes Ergebnis findet er, dass aus Haushalten mit einem Einkommen unter dem mittleren Einkommen nur 0.84 Erfinderinnen pro 1000 Kindern entstehen, bei jenen der Top 1% der Einkommen sind es 8.3 Erfinder pro 1000 Kinder.

Warum variiert die Anzahl der Erfinder mit dem Einkommen der Eltern? Eine Möglichkeit ist, dass Kinder aus reicheren Elternhäuser einfach fähiger sind. Um dafür zu kontrollieren, betrachtet Chetty nur die begabtesten Kinder: jene 10% mit den besten Testergebnissen in Mathematik. Aus den Kindern mit Top-Mathematiknoten aus armen Elternhäusern gehen nur 3 Erfinder (pro 1000 Kinder) hervor, aus Kindern mit Top-Mathematiknoten aus reichen Elternhäusern entstehen mehr als doppelt so viele (7 Erfinderinnen pro 1000 Kinder). Ähnlich diskrepante Ergebnisse erhält er für das Geschlecht und für Minderheiten. Aus den Mädchen mit Top-Mathematiknoten gehen nur 2 Erfinderinnen (pro 1000 Mädchen) hervor, verglichen mit 6 Erfindern aus Buben mit Top-Mathematiknoten.

Was erklärt diese Differenz? Um das herauszufinden, untersucht Chetty den Umwelteinfluss in der Kindheit, etwa die Nachbarschaft. Dabei entdeckt er, dass in Bezirksgemeinden, in denen mehr Innovationen stattfinden, die Anzahl der Erfinder pro 1000 Kinder deutlich höher ist. Er zeigt auch, dass sich die oben beschriebene Innovationskluft zwischen den Geschlechtern halbieren würde, wenn Mädchen derselben Anzahl von weiblichen Erfinderinnen ausgesetzt wären wie Buben mit männlichen Erfindern. Chetty berechnet dann, dass sich die Innovationsrate der US-Wirtschaft vervierfachen würde, wenn es gelingen würde, Mädchen, Kinder von Minderheiten und aus armen Elternhäusern mit der gleichen Rate zu Erfindern zu machen wie Buben aus reichen Familien. Das ist eine bahnbrechende Erkenntnis.

Was kann Deutschland daraus lernen?  Professor Chettys Arbeit legt nahe, dass Deutschland einen hohen Preis für seine geringe soziale Mobilität zahlt: den Mangel an High-Tech-Firmen in Deutschland. Eine Umfrage unter deutschen Start-ups ergab, dass der Mangel an Talenten als eines der größten Hindernisse in der Start-up-Aktivität angesehen wird.

Talente statt Steuern

Wie kann die Anzahl an Erfindern und High-Tech-Firmen in Deutschland gehoben werden? In einem ersten Schritt müssen Mädchen und Kinder aus armen Elternhäusern und von Einwanderern mit herausragenden Noten in Mathematik und Naturwissenschaften in einem sehr frühen Stadium gefunden und einem Innovationsumfeld ausgesetzt werden. Das kann durch maßgeschneidertes Mentoring und durch Praktika erzielt werden.

Die Bundesregierung erwägt, Steueranreize für Forschung und Entwicklung zur Förderung von Innovationen einzuführen. Aber eine einfache Kalkulation macht klar, warum Steueranreize nur eine geringe Wirkung auf das Innovationsverhalten haben. Starerfinder verdienen mehr als 1 Million US-Dollar im Jahr. Einige Prozente weniger Steuern werden ihr Innovationsverhalten nur begrenzt verändern. Wegen des begrenzten Talentpools in Deutschland ist eher mit einer Steigerung der Löhne für in der Forschung eingesetzte Fachkräfte zu rechnen. Das würde die Innovation eher senken statt steigern.

Der Fokus auf die Talente ist auch deshalb wichtig, weil die Entdeckung neuer Ideen teurer geworden ist. Je größer die Gesamtmenge an Wissen wird, desto schwieriger wird es, an die Grenze des Wissens zu gelangen. Eine Studie des MIT schätzt, dass heute 20 Mal so viele Forscher benötigt werden wie vor 80 Jahren, um denselben Forschungsoutput zu erzielen. Die Ideen gehen uns nicht aus, es wird aber schwieriger, sie zu finden. 

Dieser Artikel erschien auch in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"[ a ]

Warum kommen Google, Amazon und Facebook nicht aus Deutschland?  Eine typische Antwort auf diese Frage ist Deutschlands unversöhnliche Haltung gegenüber dem Scheitern. Während in den USA das Scheitern als Nebenprodukt des Erfolgs angesehen wird, wird es hier nie verziehen.

 

Aber es gibt einen weiteren, viel beunruhigenden Grund für das Fehlen von High-Tech-Firmen in Deutschland: die verloren gegangenen Einsteins. Die potenziellen Pioniere, die aus den talentiertesten Kindern aus benachteiligten Elternhäusern in Deutschland hätten hervorgehen können.

 

Niedrige soziale Mobilität

In einem kürzlich erschienenen Bericht der OECD zur sozialen Mobilität wird Deutschland als das OECD-Land mit einer der niedrigsten sozialen Mobilitäten identifiziert. Der Bericht zeigt, dass der elterliche Hintergrund entscheidend für das Erreichen des sozialen Status in der nächsten Generation ist. Deutschland weist eine Elastizität der intergenerationellen Mobilität von 50% auf. Das bedeutet: Hat ein Vater ein doppelt so hohes Einkommen wie ein anderer Vater, dann verdient der Sohn von ersterem Vater 50% mehr als der Sohn des zweiten Vaters. Je höher diese Elastizität ist, umso größer ist die Einkommensbeständigkeit über die Generationen hinweg und umso niedriger ist die soziale Mobilität. Die Länder der OECD weisen im Durchschnitt eine Elastizität von 38% auf. Auch scheint die soziale Mobilität in der jüngsten Generation X sogar abgenommen zu haben.

 

Die verlorene Chance

Ungleichheit in den Möglichkeiten ist zutiefst unfair. Aber die soziale Mobilität einer Gesellschaft sollte uns auch aus einem anderen Grund nicht kalt lassen: Sie bestimmt die Innovationsrate und damit das Wachstum eines Landes. Die Ungleichheit in den Möglichkeiten bestimmt die absolute Anzahl von Erfindern, die ein Land hat.

 

In einer bahnbrechenden neuen Forschungsarbeit untersucht Raj Chetty von der Harvard Universität mithilfe von Big Data, welche Menschen Erfinder werden. Chetty verbindet Daten von 1.2 Millionen Erfinderinnen und Erfindern in den USA, deren Einkommen und das ihrer Eltern, ihre Schulbildung und Testergebnisse in Mathematik. Als erstes Ergebnis findet er, dass aus Haushalten mit einem Einkommen unter dem mittleren Einkommen nur 0.84 Erfinderinnen pro 1000 Kindern entstehen, bei jenen der Top 1% der Einkommen sind es 8.3 Erfinder pro 1000 Kinder.

 

Warum variiert die Anzahl der Erfinder mit dem Einkommen der Eltern? Eine Möglichkeit ist, dass Kinder aus reicheren Elternhäuser einfach fähiger sind. Um dafür zu kontrollieren, betrachtet Chetty nur die begabtesten Kinder: jene 10% mit den besten Testergebnissen in Mathematik. Aus den Kindern mit Top-Mathematiknoten aus armen Elternhäusern gehen nur 3 Erfinder (pro 1000 Kinder) hervor, aus Kindern mit Top-Mathematiknoten aus reichen Elternhäusern entstehen mehr als doppelt so viele (7 Erfinderinnen pro 1000 Kinder). Ähnlich diskrepante Ergebnisse erhält er für das Geschlecht und für Minderheiten. Aus den Mädchen mit Top-Mathematiknoten gehen nur 2 Erfinderinnen (pro 1000 Mädchen) hervor, verglichen mit 6 Erfindern aus Buben mit Top-Mathematiknoten.

 

Was erklärt diese Differenz? Um das herauszufinden, untersucht Chetty den Umwelteinfluss in der Kindheit, etwa die Nachbarschaft. Dabei entdeckt er, dass in Bezirksgemeinden, in denen mehr Innovationen stattfinden, die Anzahl der Erfinder pro 1000 Kinder deutlich höher ist. Er zeigt auch, dass sich die oben beschriebene Innovationskluft zwischen den Geschlechtern halbieren würde, wenn Mädchen derselben Anzahl von weiblichen Erfinderinnen ausgesetzt wären wie Buben mit männlichen Erfindern. Chetty berechnet dann, dass sich die Innovationsrate der US-Wirtschaft vervierfachen würde, wenn es gelingen würde, Mädchen, Kinder von Minderheiten und aus armen Elternhäusern mit der gleichen Rate zu Erfindern zu machen wie Buben aus reichen Familien. Das ist eine bahnbrechende Erkenntnis.

 

Was kann Deutschland daraus lernen?  Professor Chettys Arbeit legt nahe, dass Deutschland einen hohen Preis für seine geringe soziale Mobilität zahlt: den Mangel an High-Tech-Firmen in Deutschland. Eine Umfrage unter deutschen Start-ups ergab, dass der Mangel an Talenten als eines der größten Hindernisse in der Start-up-Aktivität angesehen wird.

 

Talente statt Steuern

Wie kann die Anzahl an Erfindern und High-Tech-Firmen in Deutschland gehoben werden? In einem ersten Schritt müssen Mädchen und Kinder aus armen Elternhäusern und von Einwanderern mit herausragenden Noten in Mathematik und Naturwissenschaften in einem sehr frühen Stadium gefunden und einem Innovationsumfeld ausgesetzt werden. Das kann durch maßgeschneidertes Mentoring und durch Praktika erzielt werden.

 

Die Bundesregierung erwägt, Steueranreize für Forschung und Entwicklung zur Förderung von Innovationen einzuführen. Aber eine einfache Kalkulation macht klar, warum Steueranreize nur eine geringe Wirkung auf das Innovationsverhalten haben. Starerfinder verdienen mehr als 1 Million US-Dollar im Jahr. Einige Prozente weniger Steuern werden ihr Innovationsverhalten nur begrenzt verändern. Wegen des begrenzten Talentpools in Deutschland ist eher mit einer Steigerung der Löhne für in der Forschung eingesetzte Fachkräfte zu rechnen. Das würde die Innovation eher senken statt steigern.

 

Der Fokus auf die Talente ist auch deshalb wichtig, weil die Entdeckung neuer Ideen teurer geworden ist. Je größer die Gesamtmenge an Wissen wird, desto schwieriger wird es, an die Grenze des Wissens zu gelangen. Eine Studie des MIT schätzt, dass heute 20 Mal so viele Forscher benötigt werden wie vor 80 Jahren, um denselben Forschungsoutput zu erzielen. Die Ideen gehen uns nicht aus, es wird aber schwieriger, sie zu finden.

©KOF ETH Zürich, 31. Mai. 2019

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