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Der grösste Schweizer Technologie-Schock

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Schweizer «Baumwollgürtel»: 1787 arbeitete ein Drittel aller Beschäftigten im Textilgewerbe. (Bild: Getty Images) Wie disruptiv wird die Digitalisierung sein? Diese Frage taucht früher oder später bei jedem Vortrag oder Podium auf, wenn es im weitesten Sinne um das Thema Wirtschaft geht. In der Regel lautet die Antwort: Es wird ganz heftig werden. Dabei wird auch öfter historisch argumentiert. Bisher sei nur Muskelkraft durch Maschinen ersetzt worden, nun aber könne man die Funktionen des Hirns simulieren. Fast alle Berufe stünden nun zur Disposition. Kann gut sein, aber die historische Betrachtung führt einen eher zu gegenteiligen Schlüssen. Das Ersetzen von Hirnfunktionen durch Maschinen ist überhaupt nicht neu. So gibt es zum Beispiel schon lange Rechenmaschinen. Zweitens ist der Prozess der Digitalisierung bereits seit Jahrzehnten im Gang, ohne dass Massenarbeitslosigkeit entstanden wäre. Der Strukturwandel ist heftig, aber nicht disruptiv. Die meisten Leute, die wegen der Digitalisierung ihre Stelle verloren haben, kamen woanders unter, und die Lehrlingsausbildung wird fortlaufend angepasst. Drittens gab es bisher nur einmal einen wirklich disruptiven Technologie-Schock in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, und dieser ist in seiner Art nicht wiederholbar. Die Rede ist von der industriellen Revolution, die Ende des 18.

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Der grösste Schweizer Technologie-Schock

Schweizer «Baumwollgürtel»: 1787 arbeitete ein Drittel aller Beschäftigten im Textilgewerbe. (Bild: Getty Images)

Wie disruptiv wird die Digitalisierung sein? Diese Frage taucht früher oder später bei jedem Vortrag oder Podium auf, wenn es im weitesten Sinne um das Thema Wirtschaft geht. In der Regel lautet die Antwort: Es wird ganz heftig werden.

Dabei wird auch öfter historisch argumentiert. Bisher sei nur Muskelkraft durch Maschinen ersetzt worden, nun aber könne man die Funktionen des Hirns simulieren. Fast alle Berufe stünden nun zur Disposition.

Kann gut sein, aber die historische Betrachtung führt einen eher zu gegenteiligen Schlüssen. Das Ersetzen von Hirnfunktionen durch Maschinen ist überhaupt nicht neu. So gibt es zum Beispiel schon lange Rechenmaschinen.

Zweitens ist der Prozess der Digitalisierung bereits seit Jahrzehnten im Gang, ohne dass Massenarbeitslosigkeit entstanden wäre. Der Strukturwandel ist heftig, aber nicht disruptiv. Die meisten Leute, die wegen der Digitalisierung ihre Stelle verloren haben, kamen woanders unter, und die Lehrlingsausbildung wird fortlaufend angepasst.

Drittens gab es bisher nur einmal einen wirklich disruptiven Technologie-Schock in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, und dieser ist in seiner Art nicht wiederholbar. Die Rede ist von der industriellen Revolution, die Ende des 18. Jahrhunderts die bestehende Wirtschaftsstruktur der Deutschschweiz regelrecht durchschüttelte.

Die Ausgangslage war folgendermassen: In der Nord- und Ostschweiz waren viele ländliche Haushalte im 18. Jahrhundert in der Baumwollverarbeitung beschäftigt. Sie spannen, woben und druckten zu Hause im Keller oder in der Stube, um ihr Einkommen aus der Landwirtschaft zu verbessern oder um überhaupt überleben zu können.

Auf der Karte sieht man die Ausdehnung des «Baumwollgürtels»:

Der grösste Schweizer Technologie-Schock

Gemäss einer Gewerbezählung von 1787 waren im Kanton Zürich etwa 35’000 Personen in der Baumwollspinnerei beschäftigt, 6500 in der Baumwollweberei und 4000 in der Seidenproduktion. Zusammengerechnet arbeitete etwa ein Drittel aller Arbeitskräfte in der Textilbranche. Das war für die damaligen Verhältnisse in Europa ein hoher Wert. In den meisten Regionen des Kontinents machte die gewerbliche Produktion weniger als 10 Prozent aus. Die Landwirtschaft dominierte.

Zur selben Zeit, als die Gewerbezählung durchgeführt wurde, nahm in England die industrielle Revolution in der Baumwollspinnerei allmählich Tempo auf. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu gewaltigen Einsparungen des Personaleinsatzes. Man schätzt, dass die ersten Spinnmaschinen auf einen Schlag 30 Personen durch eine Person ersetzten. Das war ein Produktivitätsfortschritt, der wirklich als disruptiv zu bezeichnen ist.

Die Preise für englisches Garn purzelten in die Tiefe, wie folgende Tabelle zeigt.

Der grösste Schweizer Technologie-Schock

Die Folgen für die Schweizer Haushalte, die noch das Spinnrad benutzten, um die Rohbaumwolle zu Garn zu verarbeiten, waren entsprechend verheerend. Man schätzt, dass ungefähr 100’000 Spinnerinnen und Spinner in den 1790er-Jahren die Arbeit verloren – bei einer Gesamtbevölkerung der damaligen Eidgenossenschaft von rund 1,6 Millionen Personen.

Seither hat es keine vergleichbare Disruption mehr gegeben. Es kam zwar regional immer wieder zu äusserst schmerzhaften Episoden von schnellem Strukturwandel. Beispiele sind die Textilindustrie in Glarus, die Stickerei in der Ostschweiz oder die Uhrenindustrie am Jüra-Südfuss. Aber ein solches Ausmass an prozentualem Arbeitsplatzverlust in so kurzer Zeit kam nie mehr vor. Es war der grösste Technologie-Schock der Schweizer Geschichte.

Er trat nur deswegen auf, weil er den Beginn des industriellen Zeitalters begründete. Die Welt veränderte sich komplett. Seither sind wir die schnelle Veränderungsrate des technologischen Wandels gewöhnt und wissen, dass wir sie mit Bildung und Sozialversicherungen gut bewältigen können. Eine Wiederholung ist deshalb äusserst unwahrscheinlich, Digitalisierung hin oder her.

Tobias Straumann
Tobias Straumann (* 15. Mai 1966 in Wettingen) ist ein Schweizer Wirtschaftshistoriker. Tobias Straumann studierte Geschichte, Soziologie und Wirtschaft- und Sozialgeschichte in Zürich, Paris und Bielefeld. 1995 promovierte er bei Rudolf Braun an der Universität Zürich mit der Arbeit «Die Schöpfung im Reagenzglas. Eine Geschichte der Basler Chemie (1860–1920)». 1995–2000 arbeitete er als Journalist in Zürich, Zug und New York. 2005–2006 war er Oberassistent am Institut de l’histoire économique et sociale der Universität Lausanne.

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