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Saldenmechanik und moderne Makroökonomik

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In Deutschland erhielt die jedem und jeder BankerIn bekannte Saldenmechanik durch die Arbeiten von Wolfgang Stützel den legendären Ruf einer „Logik“ der Volkswirtschaftslehre. Im Beitrag wird gezeigt, dass sie durch die moderne Makroökonomik ersetzt worden ist. Es gibt Stimmen innerhalb und außerhalb der fachwissenschaftlichen Zunft, die der Volkswirtschaftslehre (VWL) vorwerfen, als Wissenschaft versagt zu haben, weil sie die Lehren von Wolfgang Stützel und Wilhelm Lautenbach ignoriert habe (z.B. Flassbeck 2000, S.8). Ob diese Kritik zutrifft, hängt davon ab, ob die methodischen Prinzipien der Saldenmechanik (SM) in die moderne VWL aufgenommen und vielleicht sogar auf eine höhere Stufe gehoben worden sind. Dieser Frage wird hier in Form eines Vergleichs der konzeptionellen und

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In Deutschland erhielt die jedem und jeder BankerIn bekannte Saldenmechanik durch die Arbeiten von Wolfgang Stützel den legendären Ruf einer „Logik“ der Volkswirtschaftslehre. Im Beitrag wird gezeigt, dass sie durch die moderne Makroökonomik ersetzt worden ist.

Es gibt Stimmen innerhalb und außerhalb der fachwissenschaftlichen Zunft, die der Volkswirtschaftslehre (VWL) vorwerfen, als Wissenschaft versagt zu haben, weil sie die Lehren von Wolfgang Stützel und Wilhelm Lautenbach ignoriert habe (z.B. Flassbeck 2000, S.8). Ob diese Kritik zutrifft, hängt davon ab, ob die methodischen Prinzipien der Saldenmechanik (SM) in die moderne VWL aufgenommen und vielleicht sogar auf eine höhere Stufe gehoben worden sind. Dieser Frage wird hier in Form eines Vergleichs der konzeptionellen und methodischen Ansätze nachgegangen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den Vergleich mit den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) gelegt wird. Daraufhin werden gescheiterte Anwendungen und weitergehende Methoden der SM benannt.

Gemeinsamkeiten zwischen Saldenmechanik und den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen

(1) Die Definition der Wirtschaftseinheiten ist in der SM dieselbe wie in den VGR: „Wir teilen die Welt in Sektoren ein: die Banken (darunter die Zentralbank), die privaten Haushalte, die Unternehmen, den Staat und das Ausland. Diese Unterteilung entspricht der Gliederung in der von der Bundesbank geführten Statistik ebenso wie der Unterteilung in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wie man sie im Statistischen Jahrbuch vorfindet.“ (Grass, Stützel 1988, S.232; im Weiteren: G+S) Das Statistische Jahrbuch ist inzwischen durch ein breites Datenangebot auf dem Internet ergänzt worden.

(2) Beiden Rechenwerken gemeinsam ist die Anwendung der buchhalterischen Kontendarstellung auf die Wirtschaftseinheiten. G+S erläutern sie unter der Überschrift „Truismen, Tautologien, Bilanzidentitäten“ (a.a.O., S.8ff.). Dass die Kontendarstellung der Dreh- und Angelpunkt in den VGR ist, darüber kann man sich in allen lehrbuchartigen Einführungen vergewissern.

(3) Eng damit verwandt ist die Unterscheidung zwischen Beständen und Strömen. Den Zusammenhang zwischen beiden nennen G+S das „Badewannentheorem“: „Anfangsbestand + Zustrom ./. Abstrom = Endbestand“ (a.a.O., S.52). In den VGR heißt dieser Zusammenhang Bestandsänderungsgleichung.

Die Darstellung in Form von Gleichungen (Identitäten) ist eine formal gleichwertige Alternative zur Kontendarstellung. Das ist eine Form, die G+S ebenfalls verwenden, wenn auch sehr sparsam (z.B. a.a.O., S.334, 339, 344).

(4) Zu den von beiden Rechenwerken akzeptierten Grundprinzipen gehört, dass der ausgehende Strom der einen Wirtschaftseinheit betragsmäßig gleich dem Eingang desselben Stroms bei einer anderen Wirtschaftseinheit ist: „…einer Ausgabe bei einem Wirtschaftssubjekt steht immer eine Einnahme bei einem anderen, an der jeweiligen Transaktion beteiligten Wirtschaftssubjekt gegenüber.“ (A.a.O., S.277) Dieses Prinzip muss gegebenenfalls durch die Berücksichtigung von Umbewertungen ergänzt werden.

(5) Eine Konsequenz aus (4) ist, dass in einer geschlossenen Volkswirtschaft die Summe aller Verkäufe gleich der Summe aller Käufe ist. Die Differenz zwischen beiden ist Null: „Wenn in einer geschlossenen Wirtschaft alle Wirtschaftssubjekte versuchen, Geldvermögen zu bilden, so gelingt ihnen das in ihrer Gesamtheit nie.“ (A.a.O., S.159) Obwohl diese Konsequenz „trivial“ ist (Stützel 1952, S.9), spielt sie in der SM eine Schlüsselrolle, deshalb kann man sie als das geldtheoretische Grundprinzip bezeichnen.

(6) Abgesehen von Spezialgebieten auf dem Gebiet der Input-Output-Analyse, in denen der Materialverbrauch oder der Ausstoß von CO2 eine Rolle spielt, werden Güterströme als solche in den VGR nicht dargestellt, sondern durch die entgegengesetzt gerichteten Forderungsströme repräsentiert. Das kommt der Saldenmechanik insofern sehr nahe, als sie wirtschaftliche Vorgänge dominant unter pekuniärem Aspekt betrachtet. G+S charakterisieren die Saldenmechanik methodisch als „Geldstromanalyse“ (a.a.O., S.232).

Unterschiede

(1) Während in der SM Geldströme – Einnahmen und Ausgaben der Wirtschaftseinheiten – unter dem dominanten Gesichtspunkt der Finanzierung analysiert werden, also Zahlungsströme im Mittelpunkt stehen, werden letztere in den VGR weitgehend als unerheblich betrachtet (Brümmerhoff, Grömling 2015, S.17) und der Finanzierungsrechnung zugewiesen. Der Begriff des monetären Stroms hat in den VGR die Bedeutung eines Forderungsstroms, dem nicht immer eine Zahlung entspricht. Abschreibungen sind ein Beispiel dafür.

(2) Beim für die SM zentralen Thema des Sparens (S), werden andere Akzente als in der modernen Makroökonomik gesetzt, obwohl von der gleichen Definition ausgegangen wird: Es handelt sich um den Teil des Periodenprodukts bzw. der Einkommen Y, der nicht in den Konsum eingeht:

G+S (a.a.O., S.365) ziehen es vor, für das Einkommen den Buchstaben G zu verwenden und anstelle des Sparens von einer Veränderung des Reinvermögens ΔRV zu sprechen, die sich aus Veränderungen des Sachvermögens ΔSV und des Geldvermögens ΔGV zusammensetzt. Für jedes Wirtschaftssubjekt gelte:

Aus dem geldtheoretischen Grundprinzip folgt dann: „Eine Geldvermögensverminderung (-erhöhung) der Unternehmer [GU] ist nun aber stets gleich groß wie die Geldvermögensvermehrung (-verminderung) aller übrigen Wirtschaftssubjekte…[GNU]“ (G+S, a.a.O., S.334) Wird außerdem die Veränderung des Sachvermögens mit der Investition (I) gleichgesetzt, gilt für eine geschlossene Volkswirtschaft:

                                                                                 (*)

Eine Anwendung findet man weiter unten.

(3) G+S stellen folgende Frage: „Gibt es eindeutige Zusammenhänge zwischen dem Güterstrom in einer Volkswirtschaft und den ‚Geld‘-Beständen?“ (A.a.O., S.232) G+S, aber auch ihr Vorgänger Lautenbach (a.a.O., S.55), wissen, dass das nur selten der Fall ist. Ein eindeutiger Zusammenhang kann jedoch hergestellt werden, wenn die Volkswirtschaft mit Hilfe des Konzepts der Forderungsströme beobachtet und mit Hilfe der Finanzierungsrechnung der Zusammenhang zwischen Güterströmen, Geldströmen und -beständen rekonstruiert wird (ausschnittsweise dargestellt bei Quaas 2018).

(4) G+S, aber nicht nur sie, charakterisieren die VGR „als grobe Messung des Niveaus der ökonomischen Aktivitäten“ (a.a.O., S.285). Fakt ist: Auf der ganzen Welt werden Volkswirtschaften nach den Methoden der VGR vermessen. Damit sind Studien im Rahmen der SM auf VGR-Daten angewiesen, oder sie verbleiben im Bereich des Spekulativen. Gültige Identitäten der SM sind Teil der VGR. Die „Logik“, die die SM einmal darstellte, ist durch die „Logik“ der VGR ersetzt worden. Ob diese in wirtschaftspolitischen Diskussionen immer beachtet wird, wäre Flassbecks Fragestellung auf zeitgemäßer Grundlage.

Kritik einiger Anwendungen

(1) Fritz Helmedag verteidigt seine Anwendung der SM auf die Effekte einer Mehrwertsteuererhöhung damit, dass er Begriffe verwendet, „die nicht unmittelbar von der alten (‚Nettosozialprodukt zu Faktorkosten‘) bzw. neuen (‚Nettonationaleinkommen zu Herstellungspreisen‘) Terminologie der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung abgedeckt werden.“ (Helmedag 2007, S.8) Die so zementierte Unüberprüfbarkeit entzieht der Studie den Boden für eventuell ableitbare Handlungsempfehlungen.

(2) Dass die SM anstelle der ex post-Daten eine Argumentation vorziehe, die sich ex ante auf die Pläne der Wirtschaftseinheiten stützt, ist eine nichtzutreffende Legende. Vielmehr gilt: „… wir versuchen, so viel als irgend angängig allein schon aus der Entfaltung von ex-post-Identitäten herzuleiten…“ (A.a.O., Fußnote 15, S. 314) Dabei entsteht allerdings die Gefahr, rein analytische Zusammenhänge kausal zu deuten. Dazu ein Beispiel:

(3) Auf der Grundlage der Identität (*) behauptet Wilhelm Lautenbach (1952, S.32): „Die bisherigen Ausführungen haben erwiesen, dass die Gesamtmasse des Unternehmergewinnes jeweils eindeutig bestimmt wird positiv durch den Aufwand für Investitionen und den Eigenverbrauch der Unternehmer, negativ durch die Ersparnisse der Nichtunternehmer.“ Mit einer deterministischen Deutung ist die Identität (*) bei Weitem überstrapaziert. Sie besagt lediglich: Wenn drei von den vier Größen gegeben sind, ergibt sich die vierte, weil sie nach dieser Struktur gemessen wird.

 (4) Heiner Flassbeck (2000, S.2f.) behauptet: „‘Die Volkswirtschaft kann nicht sparen‘ hatte schließlich ganz im Sinne der Stützelschen Saldenmechanik schon in den 50er Jahren der bekannte Satz (ausgesprochen unter anderem von dem Kölner Finanzwissenschaftler Gerhard Mackenroth) gelautet, mit dessen Hilfe damals das Umlageverfahren eingeführt worden war.“

Setzt man in der Gleichung (*) ΔGV = 0 für alle Wirtschaftssubjekte, so ist erkennbar, dass eine Volkswirtschaft durchaus sparen kann, ohne Geldvermögen zu bilden:

 

Eine Beziehung, die urheberrechtlich bekanntlich Keynes zugeschrieben wird.

Zur Würdigung

G+S stellen in ihrem Lehrbuch eine Auswahl traditioneller Theorien dar, die sich zum Teil auch in der modernen Makroökonomik finden – wie beispielsweise die keynesianische Multiplikator-Theorie, die eine theoretische Grundlage für konjunkturpolitische Maßnahmen des Staates bildet. Darüber hinaus kommt es der SM darauf an, marktkonforme Maßnahmen zu empfehlen, die das Finanzsystem nicht überlasten (Lautenbach, S.103 f.). Die SM argumentiert konsequent auf der Plausibilitätsschiene und mit Rückgriff auf anekdotische Evidenzen, beispielsweise über die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren. Die Komplexität wirtschaftlicher Verhaltensweisen wird analytisch in verschiedene Möglichkeiten aufgespalten und deren partielle Bedingtheit herausgearbeitet. Dem liegt die Idee netzartiger Verflechtungen des Wirtschaftskreislaufes zugrunde, die in der Input-Output-Analyse zu einer exakten Methode entwickelt worden ist. Aus moderner Sicht vermisst man oft Belege für die theoretischen Aussagen anhand echter Daten. Die Darstellung von Maßverhältnissen zwischen einflussreichen ökonomischen Größen, die heute in jedem Modell der modernen Makroökonomik zu finden sind, fehlt völlig.

Der SM wird die Forderung zugeschrieben, stets die gesamte Volkswirtschaft in Betracht zu ziehen. Korrekter lautet ihre Forderung, die gesamtwirtschaftliche Betrachtung immer weiter zu differenzieren und bei den partiellen Analysen die Gesamtwirtschaft nicht aus dem Blick zu verlieren (Stützel 1952, S.10). Diesem Prinzip ist schon vor Jahrzehnten (seit Klein 1950) durch Entwicklung umfassender ökonometrischer Modelle entsprochen worden.

Brümmerhoff, Dieter; Grömling, Michael (2015): Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. München.

Flassbeck, Heiner (2000): Gesamtwirtschaftliche Paradoxa und moderne Wirtschaftspolitik. URL: http://www.flassbeck.de/pdf/2000/gesamtwi.pdf[ a ]

Grass, Rolf-Dieter; Stützel, Wolfgang (1988): Volkswirtschaftslehre. 2. Auflage. München.

Helmedag, Fritz (2007): Gesamtwirtschaftliche Bestimmungsgründe der Gewinne und des Arbeitsvolumens. In: Wirtschaftsdienst 2007, H.6.

Klein, Lawrence R. (1950): Economic Fluctuations in the United States. 1921-1941. New York / London.

Lautenbach, Wilhelm (1952): Zins, Kredit und Produktion. Tübingen.

Stützel, Wolfgang (1952): Einleitung des Herausgebers. In: Lautenbach etc.

Quaas, Georg (2018): "Sparen" in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und in den Finanzwirtschaftlichen Rechnungen. URL: https://www.oekonomenstimme.org/artikel/2018/04/sparen-in-den-volkswirtschaftlichen-gesamtrechnungen-und-in-den-finanzwirtschaftlichen-rechnungen

©KOF ETH Zürich, 8. Jul. 2021

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