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Vom kranken Mann Europas zum wirtschaftlichen Superstar: Was erklärt Deutschlands aussergewöhnliche Erholung?

Summary:
In einem neuen Sammelband zeigt Dalia Marin, wie Deutschland es schaffte, innert weniger Jahre die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken und die Exporte zu erhöhen. In diesem Beitrag fasst sie die wichtigsten Erkenntnisse des Buches zusammen. In den späten 1990er Jahren wurde Deutschland als "der kranke Mann Europas" bezeichnet. Deutschland ist heute ein „wirtschaftlicher Superstar“. Die Arbeitslosigkeit ging von 13 Prozent im Jahr 2005 auf 6,1 Prozent im Jahr 2016 zurück. Deutschland gehört zu den Weltmeistern im Export und macht fast 8 Prozent des weltweiten Exports aus. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Erholung? In einem neuen eBook Marin (2018) wird die außerordentliche Erholung Deutschlands erklärt. Die erstaunliche Transformation der deutschen Wirtschaft vollzog sich

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In einem neuen Sammelband zeigt Dalia Marin, wie Deutschland es schaffte, innert weniger Jahre die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken und die Exporte zu erhöhen. In diesem Beitrag fasst sie die wichtigsten Erkenntnisse des Buches zusammen.

In den späten 1990er Jahren wurde Deutschland als "der kranke Mann Europas" bezeichnet. Deutschland ist heute ein „wirtschaftlicher Superstar“. Die Arbeitslosigkeit ging von 13 Prozent im Jahr 2005 auf 6,1 Prozent im Jahr 2016 zurück. Deutschland gehört zu den Weltmeistern im Export und macht fast 8 Prozent des weltweiten Exports aus. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Erholung? In einem neuen eBook Marin (2018) wird die außerordentliche Erholung Deutschlands erklärt.
 
Die erstaunliche Transformation der deutschen Wirtschaft vollzog sich gleichzeitig mit der Liberalisierung des internationalen Handels mit Osteuropa nach dem Fall des Kommunismus. Die Handelsliberalisierung mit Osteuropa hat die Funktionsweise von Unternehmen und Arbeitnehmern grundlegend verändert. Die durch die Handelsliberalisierung mit Osteuropa hervorgerufene  Veränderung erstreckte sich auf drei Bereiche: sie führte zu dezentralisierten Lohnverhandlungen, die in  Lohnzurückhaltung resultierten, sie führte zu einem dezentralisierten, weniger hierarchischen Führungsstil in den Unternehmen,   die die Qualität der deutschen Exporte verbesserte, und sie führte zu einer Ausweitung der Produktionsnetzwerke nach Osteuropa, die Kosteneinsparungen erlaubten.   Auch ermöglichte die Handelsliberalisierung mit Osteuropa Deutschland den China-Schock leichter zu absorbieren als in anderen Ländern, insbesondere in den USA.

Die Institution der Arbeitsbeziehungen 

Eine führende Erklärung für die Erholung Deutschlands ist die erstaunliche Transformation der deutschen Arbeitsbeziehungen von einem starren System nationaler Tarifverhandlungen hin zu einem dezentralisierten flexiblen Tarifverhandlungssystem auf Unternehmensebene, wie Dustmann et al und Baccaro in den Kapiteln 1 und 2 des Buchs  argumentieren. Dies führte zu einem dramatischen Rückgang der Lohnstückkosten und zu einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Dezentralisierung der Tarifverhandlungen wurde durch die neuen Möglichkeiten ausgelöst, die Produktion in die aufstrebenden Volkswirtschaften Osteuropas zu verlagern. Dies veränderte das Machtgleichgewicht zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden und zwang Gewerkschaften und Betriebsräte, Abweichungen von branchenweiten Vereinbarungen zu akzeptieren. Dustmann et al. betonen, dass die "Hartz"-Reformen - die in Deutschland allgemein als kritische Wende für die Wirtschaft betrachtet werden - für diesen Prozess keine wesentliche Rolle gespielt haben. Die "Hartz"-Reformen wurden erst ein Jahrzehnt später eingeführt (Dustman et al 2014).  Baccaro weist darauf hin, dass das alte starre System der Tarifverhandlungen mit hohen Kosten möglicherweise Vorteile hatte, indem es als „vorteilhafte Einschränkung“ fungierte, die die Unternehmen zwang, die Qualität ihrer Produkte zu verbessern, um auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig zu bleiben (Streek 1997).

Globalisierung und Technologie

Marin argumentiert in Kapitel 3 des Buches, dass Lohnzurückhaltung den jüngeren Erfolg Deutschlands beim Export nicht erklären kann. Nach der Finanzkrise erholten sich die Exporte in Deutschland rascher trotz höherer Lohnsteigerungen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.  Die Handelsliberalisierung mit Osteuropa hatte tiefgreifende Auswirkungen auf das deutsche Geschäftsmodell im Export. Die Unternehmen wurden zu einem dezentralisierteren, weniger hierarchischen Führungsstil umstrukturiert (Marin und Verdier 2014), der den Arbeitnehmern Anreize für Produktqualität bot. Die Arbeitnehmer auf den unteren Ebenen der Firmenhierarchie sind besser über die Anforderungen des Marktes informiert. Mehr Autonomie bei der Entscheidungsfindung erlaubte es ihnen dieses Wissen bei den Produkten umzusetzten.  Marin findet, dass das dezentrale Management zu großen Zuwächsen bei den Exportmarktanteilen beigetragen habe.  Dadurch wurde die Produktqualität „Made in Germany“ im Export ausgebaut obwohl die disziplinierende Rolle hoher Löhne und einer starken "Deutschen Mark" wegfiel (Marin, Schymik, Tscheke 2015).  

Die Öffnung Osteuropas nach dem Fall des Kommunismus hat auch die deutsche Wirtschaft in anderer Weise beeinflusst: Deutsche Firmen bauten die Produktionsnetzwerke nach Osteuropa aus. Osteuropa war reich an qualifizierten Arbeitskräften, was nicht nur deutschen Firmen neue Marktchancen bot, sondern auch einen Pool von qualifizierten und preiswerten Arbeitskräften. Das half Deutschland, einen Fachkräftemangel zu bewältigen, der in den 1990er Jahren besonders akut wurde. Das Offshoring nach Osteuropa senkte die Kosten und half, weltweit Marktanteile zu gewinnen  (Marin 2010).

Die Handelsliberalisierung mit Osteuropa war auch eine treibende Kraft, warum Deutschland den China-Schock so viel besser absorbierte als die USA, wie Suedekum in Kapitel 4 betont. Der Verlust von Arbeitsplätzen durch die Importkonkurrenz aus China nach seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation wurde durch zusätzliche Arbeitsplätze, die durch steigende Exportchancen nach Osteuropa entstanden sind, mehr als ausgeglichen. Chinas Aufstieg hat einen anderen Effekt auf Deutschland als der Aufstieg Osteuropas, weil diese beiden Handelsschocks sehr unterschiedlich sind. Der Handel mit China ist inter-industriell (branchenübergreifend: Autos versus Textilien), während der Handel mit Osteuropa intra-industriell (innerhalb desselben Sektors Handel: BMW gegen Skoda) und innerhalb derselben multinationalen Unternehment: Autoteile gegen Autos stattfindet (Dauth et al 2014).

Zudem stellt Suedekum fest, dass Roboter im Vergleich zu den USA einen milderen Effekt auf den deutschen Arbeitsmarkt hatten. Der Grund dafür ist die besondere Art und Weise, wie Deutschland mit dem technischen Wandel anhand von Umschulungsmassnahmen zurechtkommt. Auf diese Weise haben die Roboter die Verdrängungsrisiken für die bestehenden Arbeitsverhältnisse nicht erhöht, sondern potenzielle Arbeitsplätze für junge Arbeitsmarktteilnehmer bedroht.

Die günstigeren Arbeitsmarktbedingungen in Deutschland erklären auch, warum Cantoni und seine Mitautoren (in Kapitel 10 des Buches) nicht feststellen, dass Globalisierung und zunehmende Arbeitsplatzunsicherheit zum Anstieg der Zustimmung für die extreme Rechte beigetragen haben. Sie stellen eine erstaunliche historische Beharrlichkeit im Wahlverhalten fest: Kommunen mit hohen Stimmenanteilen für die NSDAP in den 1920er und 30er Jahren haben auch höhere Stimmenanteile für die AfD in den Landtagswahlen 2010/17. Cantoni et al identifizieren diese Korrelation nach 2015-der Zeit, als die konservativen, einwanderungsfeindlichen Mitglieder die Führung der AfD übernahmen und nicht zuvor. Sie schließen andere Erklärungen für den Erfolg der extremen Rechten aus wie den Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland 2015. Sie sehen den Erfolg der AfD eher als Ergebnis eines politischen Angebotsschocks denn als Gegenreaktion auf die Wirtschaftspolitik.

Harhoff und Schnitzer weisen in Kapitel 5 darauf hin, dass der Verlust von Humankapital und Talenten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Ausgangsbedingungen für ein langfristiges Wachstum in Deutschland geschaffen hat. Erst nach 2005 begannen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung erheblich zu steigen, und die Regierung startete eine Initiative zur Verjüngung der deutschen Universitäten. Sie erkennen auch eine mangelnde unternehmerische Dynamik in der deutschen Wirtschaft.

Der Leistungsbilanzüberschuss

Mit fast 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2017 hat Deutschland den größten Leistungsbilanzüberschuss der Welt. Für den großen Überschuss gibt es zwei mögliche Quellen: Hohe Exporte oder niedrige Importe. Kapitel 1 bis 3 des Buches zeigen in der Tat, dass Deutschland ein sehr erfolgreicher Exporteur ist aufgrund der niedrigen Löhne (durch dezentrale Lohnverhandlungen), der hervorragenden Produktqualität (über dezentrales Firmenmanagement) und der niedrigen Produktionskosten (über das Offshoring nach Osten).

In Kapitel 6 konzentriert sich Wolff auf die Importseite der Leistungsbilanz. Aus Sicht der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird ein Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss konfrontiert sein, wenn seine Ersparnisse groß sind und seine Investitionen niedrig sind. Viele der Investitionsgüter werden importiert. Daher führen wenig Investitionen zu niedrigen Importen. Wolff findet, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss vor allem auf geringe Unternehmensinvestitionen zurückzuführen ist, die niedriger sind als in Italien und Frankreich. Er schlägt vor, dass die Regierung die öffentlichen Investitionen erhöhen und private Investitionen fördern soll.

Mitte der 2000er Jahre führte Deutschland einen Steuermix ein, der die relativen Preise und das externe Gleichgewicht zugunsten Deutschlands verschoben haben könnte, wie Ghironi in Kapitel 7 untersucht. Deutschland verknüpfte eine Erhöhung der Mehrwertsteuer mit einer Senkung der Einkommenssteuer. Dieses Steuermenü entspricht einer fiskalischen Abwertung, die einer Abwertung der Währung eines Landes entspricht, wie kürzlich gezeigt wurde (Farhi et al 2014).  Ohne die Fähigkeit, die Währung in einer Währungsunion abzuwerten, können Länder ihre Währung abwerten, indem sie diese Mischung von Steuern einführen.  Ghironi fragt dann, ob Deutschland eine fiskalische Abwertung verfolgte, um seine externe Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Seine Antwort lautet nein, denn die politischen Entscheidungsträger hatten nicht die Absicht, den Policy-Mix zu nutzen, um die externe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu verändern, sondern vielmehr, um innenpolitische Probleme wie die Verringerung von Wirtschaftsverzerrungen und die Notwendigkeit, die Steuereinnahmen zu erhalten, anzugehen.

Die Rolle der Geschichte

Die Kapitel 8 und 9 des Buches wenden sich einem anderen Thema zu, das sich darauf konzentriert, warum die Arbeitsweise Deutschlands oft zu Spannungen in der Eurozone führt. Wyplosz argumentiert, dass Deutschland mit dem Maastricht-Vertrag de facto zum Führer der Eurozone geworden sei. Der Vertrag lieferte der Zentralbank Unabhängigkeit und eine niedrige Inflation im Vergleich zu den Vorjahren. Das funktionierte bis zur Finanzkrise. Der Unwille, als Kreditgeber letzter Instanz zu agieren, verwandelte die Bankenkrise in eine Staatsschuldenkrise. Der Stabilitäts-und Wachstumspakt zur Kontrolle der öffentlichen Verschuldung wurde nach dem deutschen Föderalismussystem konzipiert, das eine Quelle der Spannungen war, weil die Mehrheit der Europäer sich nicht als Mitglied eines gemeinsamen Staates sieht.

James erforscht in Kapitel 9, warum die Franzosen und die Deutschen nicht effektiv kommunizieren. Die beiden Länder haben ein anderes Verständnis der Rolle des Staates. Bei der deutschen Vision geht es um Regeln und Konsistenz, während die Franzosen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit betonen. Aus historischer Sicht wurden die Glaubenssätze in beiden Ländern umgekehrt. Er glaubt, dass eine Krise ein produktiver Moment des tiefgreifenden Umdenkens der alten Art und Weise der Organisation europäischer Angelegenheiten sein kann.

Dieser Beitrag ist auch auf Englisch auf VoxEU[ a ] erschienen.

Bertram, C (1997), "Germany: The sick man of Europe?", Project Syndicate, 18 September.

Dauth, W, S Findeisen and J Suedekum (2014), “The Rise of the East and the Far East: German Labor Markets and Trade Integration”, Journal of the European Economic Association 12(6): 1643–1675.

Dustmann, C, B Fitzenberger, U Schönberg and A Spitz-Oener (2014), “From Sick Man of Europe to Economic Superstar: Germany’s Resurgent Economy”, Journal of Economic Perspectives 28(1): 167-188

Farhi, E, G Gopinath and O Itskhoki (2014), “Fiscal Devaluations”, Review of Economic Studies 81: 725-760.

Marin, D (2010), “The Opening-Up of Eastern Europe at 20: Jobs, Skills, and Reverse Maquiladoras in Austria and Germany”, Bruegel Working Paper No. 2010/02.

Marin, D (2018), Explaining Germany’s Exceptional Recovery[ b ], A VoxEU.org ebook, CEPR Press. 

Marin, D and T Verdier (2014), “Corporate Hierarchies and International Trade: Theory and Evidence”, Journal of International Economics 94(2): 295–310.

Marin, D, J Schymik and J Tscheke (2015), “Europe’s Export Superstars – it’s the organisation”, Bruegel Working Paper No. 2015/05.

Streeck, W (1997), "Beneficial Constraints: On the Economic Limits of Rational Voluntarism", in J R Hollingsworth and R Boyer (eds), Contemporary Capitalism: The Embeddedness of Institutions, Cambridge University Press, pp. 197–219.

©KOF ETH Zürich, 18. Apr. 2019

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