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Stagnation ist kein Schicksal

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Photo: petr sidorov from Unsplash (CC 0) Mittlerweile ist es 20 Jahre her, dass die Staatschefs der Europäischen Union im Frühling 2000 die Lissabon-Strategie verfasst haben, die Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt machen wollte. Eine Wirtschaft, die fähig ist, dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen. 20 Jahre später ist von diesen Ambitionen kaum etwas wiederzufinden. Der Fortschritt der Gesellschaft erlahmt überall in Europa: Weniger Schlüsselinnovationen, geringeres Wachstum der totalen Faktorproduktivität und schleppender wissenschaftlicher Fortschritt. Diese Trends habe ich bereits in meinem letzten Artikel beschrieben. Trotz dieser trüben Aussichten gibt es auch

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Mittlerweile ist es 20 Jahre her, dass die Staatschefs der Europäischen Union im Frühling 2000 die Lissabon-Strategie verfasst haben, die Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt machen wollte. Eine Wirtschaft, die fähig ist, dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen. 20 Jahre später ist von diesen Ambitionen kaum etwas wiederzufinden. Der Fortschritt der Gesellschaft erlahmt überall in Europa: Weniger Schlüsselinnovationen, geringeres Wachstum der totalen Faktorproduktivität und schleppender wissenschaftlicher Fortschritt. Diese Trends habe ich bereits in meinem letzten Artikel beschrieben. Trotz dieser trüben Aussichten gibt es auch eine gute Nachricht: Sinkende Wachstumsraten sind kein Naturgesetz. Fortschritt lässt sich aktiv durch politische Maßnahmen ermöglichen.

Zunächst muss man Bewusstsein dafür schaffen, dass Wachstum die Grundlage für heutigen und vor allem zukünftigen Wohlstand ist. Die Frage, welche Maßnahmen man heute ergreifen kann, um den Wohlstand der gesamten Menschheit in 20, 50 oder vielleicht sogar 100 Jahren zu maximieren, muss somit wieder an Priorität in der gesellschaftlichen Debatte gewinnen. Hätten unsere Großeltern 1950 sich mit vielleicht nur 3% anstatt jährlich rund 6% durchschnittlichen BIP Wachstum zufriedengegeben, wären wir heute um circa 90% ärmer und hätten ungefähr das nominale Bruttoinlandsprodukt von Malaysia. Aber anstatt wirtschaftliches Wachstum als Treiber des Wohlstandes in den Vordergrund zu rücken, liebäugeln deutsche Public Intellectuals lieber mit der Degrowth Bewegung und stellen in den bequemen Ledersesseln deutscher Talkshows tiefgründige Fragen, ob denn Wachstum in Zeiten des Überfluss noch nötig sei. So wird das nichts mit dem Fortschritt.

Aber lediglich Wachstum wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, reicht nicht aus. Zusätzlich müssen sowohl die privaten als auch die staatlichen Ausgaben für die Forschung steigen. Die Spill-Overs der staatlichen Grundlagenförderung sind enorm. Die im Militär eingesetzten staatlichen Mittel zur Forschung und Entwicklung sind eines der besten Beispiele für die wachstumssteigernden Effekte staatlicher Grundlagenförderung. Erfindungen wie das Internet, das GPS oder der unbesungene Held der Festival-Saison, das Gaffa-Tape, sind alles Produkte der Militärforschung. Die positiven Spill-Over Effekte staatlicher Investitionen in Grundlagenförderung lassen jedoch nicht darauf schließen, dass der Staat der besseren Unternehmer im Vergleich zur Privatwirtschaft ist. Die Privatwirtschaft ist immer noch der Treiber der Innovation, indem Sie abstrakte Forschungsfortschritte mir rentablen Geschäftsmodellen verknüpft und somit den Fortschritt für jeden erschwinglich macht. Es braucht aber, gerade bei riskanten und kostenintensiven Forschungsvorhaben einen Akteur, der den Stein ins Rollen bringt – und das ist in vielen Fällen derzeit ein Staat.

Der dritte wichtige Punkt ist die aktive Förderung von Produktivitätshubs. Es gibt einen Grund, warum das Silicon Valley einer der weltweit größten Produktivitätshubs ist und sich schwer in Castrop-Rauxel replizierten lässt: Smarte Köpfe hängen gerne mit smarten Köpfen ab, Start-Up Gründer zieht es an Orte, an denen Sie potentielle Investoren treffen können, und qualifizierte Mitarbeiter arbeiten gerne dort, wo es moderne Infrastruktur gibt. Durch vernachlässigte oder verfehlte Stadtplanung schöpft man die gewinnbringenden Agglomerationseffekte der Wissensökonomie in Städten nicht ausreichend ab. Fördern kann man die Entstehung der Produktivitätshubs vor allem durch mehr Neubau in Städten, die Bereitstellung von besserer Infrastruktur und besseren Rahmenbedingungen für Unternehmen. Die zu erschließenden Produktivitätsgewinne können gigantisch sein: Eine Studie aus den USA fand beispielsweise heraus, dass die Produktivität von IT-Spezialisten in Seattle allein durch die Anwesenheit von Microsoft um 8% gestiegen ist.

Ein vierter Punkt ist eine engere und zielgerichtetere Forschungsverzahnung von Institutionen und Personen zur gezielten Erforschung von zukünftig relevanten Problemen. Mehr Geld allein wird das Problem nicht lösen, es muss auch an die richtigen Stellen fließen. Ein gutes Beispiel für einen solches dezentrales Konglomerat ist der kürzlich gegründete FTX Future Fund des Krypto-Milliardärs und Philanthropen Sam Bankman-Fried. Ziel des Funds ist es, durch gezielte private Finanzierung von high-risk high-reward Projekten gut ausgebildete Idealisten aus hochbezahlten Consulting-Jobs oder prestigeträchtigen akademischen Positionen für die Erforschung von gravierenden Problemen der Menschheit zu gewinnen. Es geht um alternative Wahlsysteme, bessere Forecasting-Methoden, bessere Katastrophen-Resilienz oder die Ethik von AI. Alles Projekte mit langfristig potentiell riesigen Erträgen, aber geringer kurzfristiger Rentabilität.

Um Fortschritt langfristig zu sichern, braucht es also Mut. Und es gibt nichts Mutloseres und Demotivierenderes als bräsige Wohlstandssättigung, als langweiliges Verwalten des Status quo und eine gesellschaftliche Indifferenz zwischen 3% und 6% BIP Wachstum. Ich bin dankbar, dass die Generation meiner Großeltern sich für ökonomisches Wachstum stark gemacht hat. Nun liegt es an der jungen Generation, den Fortschritt aus den Fesseln der Mut- und Ideenlosigkeit zu befreien, um uns viel und der nächsten Generation noch viel mehr Wohlstand zu ermöglichen.

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