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Bekenntnisse eines liberalen Pazifisten

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Photo: Jebulon from Wikimedia Commons (CC 0) Welche Rolle bleibt einem liberalen Pazifisten in Kriegszeiten? Krieg ist selbst für den Sieger ein Übel Ich verabscheue den Krieg. Und alles was damit zu tun hat: Nationalismus, Militarismus, Hass, und am Ende immer Tod und Leiden. Ich bin Liberaler aus tiefster Hingabe zur menschlichen Einzigartigkeit. Und die gerät im Krieg immer als erste unter die Räder. Denn Krieg ist die Ausgeburt des Kollektivismus, das Ergebnis „gedanklicher Wahnbilder“, wie mein Kollege Clemens Schneider an dieser Stelle zu Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine schrieb. Wahnbilder wie der „völkischen Überlegenheit“ oder des Großmachstrebens, die keine Individuen kennen, sondern nur das gesichtslose Kollektiv. Krieg ist so fundamental falsch, dass er selbst

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Welche Rolle bleibt einem liberalen Pazifisten in Kriegszeiten?

Krieg ist selbst für den Sieger ein Übel

Ich verabscheue den Krieg. Und alles was damit zu tun hat: Nationalismus, Militarismus, Hass, und am Ende immer Tod und Leiden. Ich bin Liberaler aus tiefster Hingabe zur menschlichen Einzigartigkeit. Und die gerät im Krieg immer als erste unter die Räder. Denn Krieg ist die Ausgeburt des Kollektivismus, das Ergebnis „gedanklicher Wahnbilder“, wie mein Kollege Clemens Schneider an dieser Stelle zu Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine schrieb. Wahnbilder wie der „völkischen Überlegenheit“ oder des Großmachstrebens, die keine Individuen kennen, sondern nur das gesichtslose Kollektiv. Krieg ist so fundamental falsch, dass er selbst „für den Sieger ein Übel“ ist, wie Ludwig von Mises schrieb. Und trotzdem bin ich der Meinung, dass die freie Welt die Ukraine mit allem unterstützen sollte, was sie benötigt – auch mit Waffen.

Ein robuster Pazifismus

Was bedeutet eine pazifistische Überzeugung in Kriegszeiten? Wenn die eigene Einstellung von der brutalen Grausamkeit eines Kriegsverbrechers und seines Regimes eingeholt wird. Diese Frage stellen sich gerade sicherlich viele Menschen, die fassungslos auf den größten Krieg in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges schauen. Ist es ein Dilemma, davon überzeugt zu sein, dass Krieg das Schlechteste am Menschen ist und in ihm hervorbringt, und gleichzeitig die Verteidiger einer freien Ukraine mit allem unterstützen zu wollen – auch mit Angriffswaffen?

Nein, denn ein unbedingter Pazifismus – wenn auch nachvollziehbar – war schon immer zum Scheitern verurteilt. Ideen müssen sich nämlich stets daran messen lassen, wie „robust“ sie sind, das heißt: wie gut sie die aus ökonomischer Sicht grundlegenden menschlichen Imperfektionen moderieren können. Diese sind, dass wir nur über begrenzte Informationen verfügen, und dazu neigen, uns opportunistisch zu verhalten, also ohne Rücksicht auf Verlust auf den eigenen Vorteil bedacht. Letzteres bedeutet, dass es Regeln braucht für unser Zusammenleben und jemanden, der diese Regeln durchsetzt. Zwar hat sich Weltgemeinschaft mehrfach darauf verständig, Angriffskriege wie denjenigen Putins gegen die Ukraine, zu ächten, doch gibt es auf internationaler Ebene keinen wirkungsvollen Durchsetzungsmechanismus. Erst recht nicht gegen ein atomar bewaffnetes ständiges Mitglied im formell dafür zuständigen UN-Sicherheitsrat.

Das bedeutet: auch wenn die Argumente für einen bedingungslosen Pazifismus aus liberaler und humanistischer Sicht nachvollziehbar sind, so sind sie doch nicht robust. Wer die Ukraine jetzt im Stich lässt, der signalisiert skrupellosen Despoten, dass ihre Verbrechen kaum Konsequenzen haben. Und dabei geht es nicht einmal um den selbstverständlich immer im Raum stehenden Systemkonflikt offene Gesellschaft gegen ihre Feinde. Putin und seine Generäle haben Plünderung, Vergewaltigung und Mord über ein fremdes Land ausgegossen. Wer die Ukraine verteidigt, der verteidigt zuvorderst die Ächtung des Krieges.

Unterstützung ist notwendig und gerechtfertigt. Das bedeutet jedoch nicht, dass der liberale Pazifist keine wichtige Rolle in dieser Situation hat.

Was bleibt dem liberalen Pazifisten in Kriegszeiten?

Der liberale Pazifist muss, so grotesk es auch klingt, in Kriegszeiten die Menschlichkeit hochhalten. Er muss dem unvermeidbaren Jubelgeheul über getötete gegnerische Soldaten, abgeschossenen Flugzeuge und Panzern entgegentreten. Denn hier sterben Menschen. Väter, Freunde, Söhne, Ehemänner – blutjunge Wehrdienstleistende, deren Traum es mit Sicherheit niemals war, im Auftrag eines Psychopathen mit Großmachtfantasien zu sterben. Jedes auf Twitter gefeierte Video vom Erfolg ukrainischer Streitkräfte bedeutet auch Leiden, das sinnlose Ende eines unvollendeten Lebens. Ja, es sollte unser Ziel sein, den Invasoren mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten. Aber das sollte niemals bedeuten, den Tod der Gegner zu feiern. Jedes Menschenleben, auf beiden Seiten, das das Putin-Regime auf dem Gewissen hat, ist eine Tragödie. In jedem Fall angebrachte Verachtung für das gegnerische Regime und dessen Wertelosigkeit darf nicht in Menschenverachtung umschlagen.

Und wenn diese Tragödie hoffentlich bald ein Ende hat, ist es die Aufgabe des liberalen Pazifisten, die Errungenschaften einer auf Rechtsstaatlichkeit fußenden Zivilisation hochzuhalten. Das biblische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ erscheint nach den Bildern aus Butscha, Kramatorsk und hunderten weiterer ukrainischer Tatorte russischer Kriegsverbrechen emotional als das einzig Richtige. Aber es ist es nicht. Der größte Sieg für die Zivilisation wäre ein in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen seiner Kriegsverbrechen angeklagter Wladimir Putin. Die Zivilisation muss dem Barbarischen mit den ihr eigenen Mitteln Einhalt gebieten. Dieser Weg kann der Ukraine zwar nicht von außen aufoktroyiert werden, aber er kann frühzeitig gefördert und unterstützt werden.

Ein Weg zurück in die Weltgemeinschaft

Letztendlich bedeutet das auch, dass einem neuen friedlichen Russland der Weg zurück in die Weltgemeinschaft erlaubt sein muss. So schwer vorstellbar es heute scheint: selbst ein Land, das einen grausamen Angriffskrieg führt, darf nicht auf ewig ins Büßergewand gezwungen werden. Denn am Ende können nur freier Handel, offene Staatsgrenzen und Teilhabe die inneren Mauern einreißen, die von einem nur auf den eigenen Machterhalt ausgerichteten Regime aufgebaut wurden. Dass das auf fruchtbaren Boden fallen könnte, zeigen die brutal unterdrückten aber trotzdem immer wieder aufblitzenden russischen Oppositionsbewegungen.

Dafür bedarf es allerdings auch einer umfassenden Aufarbeitung der europäischen Politik der letzten zwei Jahrzehnte. Denn das heutige Ausmaß an Macht, Skrupellosigkeit und finanzieller Ausstattung konnte das Putin-Regime nur mit der grotesken Rückendeckung durch europäische Regierungen erreichen. Alles, Rohstoffabhängigkeit, Zaudern bei offensichtlichen Völkerrechtsverletzungen und fadenscheinige Investitionsförderungen sind krassestes Politikversagen. Und hoffentlich eine Lehre für die Zukunft, dass wirtschaftliche Öffnung und Hinterzimmerdeals zwischen Putin und seinen Politiker-Kumpels nicht das gleiche sind.

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