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Solidarität – ein Begriff wird rehabilitiert

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Photo: Victória Kubiaki from Unsplash (CC 0) Solidarität ist im politischen Diskurs zu einem blutleeren Füllwort geworden, das in den meisten Fällen nur genutzt wird, um Wahlversprechen für Sondergruppen aufzuhübschen. Die derzeitige Krise kann vielleicht dazu beitragen, dass der Begriff wieder mit Leben gefüllt wird – wieder sein menschliches Antlitz bekommt. Von wegen Entfremdung und Werteverfall Solidarrente, Solidaritätszuschlag, Solidarisches Grundeinkommen … Kaum ein Politikbereich ist sicher davor, irgendwo noch das schmückende Beiwort Solidarität verpasst zu bekommen. Von der Finanz- über die Flüchtlings- bis zur Klimakrise wurde jeder Hilferuf und jeder Lösungsvorschlag mit diesem Begriff garniert. Und natürlich ist er auch in der Rhetorik dieser Tage wieder zu finden. Rainer Hank

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Photo: Victória Kubiaki from Unsplash (CC 0)

Solidarität ist im politischen Diskurs zu einem blutleeren Füllwort geworden, das in den meisten Fällen nur genutzt wird, um Wahlversprechen für Sondergruppen aufzuhübschen. Die derzeitige Krise kann vielleicht dazu beitragen, dass der Begriff wieder mit Leben gefüllt wird – wieder sein menschliches Antlitz bekommt.

Von wegen Entfremdung und Werteverfall

Solidarrente, Solidaritätszuschlag, Solidarisches Grundeinkommen … Kaum ein Politikbereich ist sicher davor, irgendwo noch das schmückende Beiwort Solidarität verpasst zu bekommen. Von der Finanz- über die Flüchtlings- bis zur Klimakrise wurde jeder Hilferuf und jeder Lösungsvorschlag mit diesem Begriff garniert. Und natürlich ist er auch in der Rhetorik dieser Tage wieder zu finden. Rainer Hank hat dazu eine lesenswerte Beobachtung verfasst: „Ich bin skeptisch, ob uns die Beschwörung einer Ethik der Solidarität in diesen schweren Zeiten weiterhilft. Das merkt man nicht zuletzt daran, dass auch Politiker ihren Aufruf zur Solidarität stets mit einer Drohung verbinden: Wenn ihr euch nicht freiwillig sozial isoliert, dann verordnen wir eine Ausgangssperre.“

Zum Glück erleben wir freilich in diesen Tagen nicht nur, dass Politiker den Begriff wieder leichtfertig und inflationär verwenden. Manch ein Kritiker der modernen, „neoliberalen“ Konsumgesellschaft müsste sich vielmehr verwundert die Augen reiben angesichts dessen, was sich in allen westlichen Gesellschaften in den letzten Wochen von selbst an Hilfsangeboten organisiert hat. Unzählige, ganz besonders auch junge Menschen strafen diejenigen Lügen, die von Entfremdung oder Werteverfall schwadronieren. Innerhalb kürzester Zeit organisierten sich – ganz ohne staatlichen Zwang oder auch nur politischen Druck – Abertausende von Hilfsinitiativen, die alten Menschen beim Einkaufen helfen, Eltern bei der Kinderbetreuung und Obdachlosen dabei, in diesen Zeiten gesund und sicher zu bleiben. Ein Phänomen, das wir übrigens auch schon in der Hochzeit der Flüchtlingskrise beobachten konnten.

Billige Solidarität im öffentlichen Diskurs

Genau diese Initiativen sind gelebte Solidarität. Hier verzichten Menschen auf Freizeit und teilen ihre eigenen Ressourcen. Wo es inzwischen noch extremer zugeht, in Italien etwa oder in Spanien, gehen viele Menschen auch freiwillig Risiken ein, um anderen zu helfen. Es könnte offensichtlicher kaum werden als derzeit: Wenn es drauf ankommt, sind sehr viele Menschen eben nicht nur darauf bedacht, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Menschen sind offenbar von sich aus hilfsbereit und haben ein Auge für ihre Mitmenschen. Und viele ziehen daraus die Konsequenz, sich auch selber einzusetzen.

Angesichts der persönlichen Opfer, die viele Menschen bringen, um ihren Mitmenschen beizustehen, ist es geradezu zynisch, wie der Begriff Solidarität von Politikern verwendet wird, um die eigene Beliebtheit zu steigern. Es ist schon geschickt: Man fordert oder verspricht Solidarität, und wird infolgedessen so wahrgenommen, als ob man selbst solidarisch gewesen wäre. Dabei sind die großen Vorkämpfer dieser verordneten Solidarität oft nicht diejenigen, die mit anpacken. Vor allem aber sind sie „solidarisch“ mit dem Geld oder der Zeit anderer Menschen. Besonders traurig: Sie täuschen damit nicht nur Solidarität vor, sondern entziehen auch noch Menschen die Ressourcen, mit denen diese selber solidarisch sein könnten.

Unser Miteinander basiert auf individuellem Engagement

Es gibt eine Reihe von plausiblen Gründen, Maßnahmen zu begrüßen oder zumindest nicht abzulehnen, die oft mit dem Label Solidarität versehen werden: Für die einen ist es die unmittelbare Sorge um Menschen, die nicht auf eigenen Füßen stehen können. Für die anderen geht es um den sozialen Frieden. Und wieder andere orientieren sich an einem gesellschaftlichen Konsens, dass wir eine Pflicht gegenüber allen Menschen in unserem Land haben, ihnen einen bestimmten Lebensstandard zu ermöglichen. Man kann und muss trefflich darüber streiten, wie weit diese Maßnahmen gehen sollen; an welche Bedingungen sie geknüpft sein sollen; in welcher Gestaltung sie sinnvoll sind. Aber bei keiner staatlichen Hilfsmaßnahme handelt es sich um einen Akt der Solidarität, denn sie sind abstrakt und unpersönlich. Solidarisch ist die Physiotherapeutin, die nach einem langen Arbeitstag dem älteren Ehepaar die Einkäufe erledigt. Solidarisch ist eine Handlung, wenn sie von einem Menschen freiwillig und oft unter Inkaufnahme eigener Nachteile vollzogen wird.

Es wäre zu wünschen, dass die erhöhte Aufmerksamkeit für die zahllosen Akte der Solidarität, die Menschen in diesem Land derzeit ohne viel Aufhebens erbringen, dazu führen würde, dass Personen des öffentlichen Lebens respektvoller mit dem Begriff der Solidarität umgehen. Dass unsere Gesellschaft so wohlhabend, stabil und friedlich ist, liegt nämlich daran, dass ganz viele einzelne Menschen ihre Verantwortung in ihrem jeweiligen Umfeld wahrnehmen. Die Politik kann dafür nur den Rahmen setzen und Freiräume schaffen. Mit Leben füllen müssen ein positives Miteinander die Bürger selbst. Dass eine große Mehrheit im Land das tut, zeigt sich gerade jetzt wieder. Ein Grund zu großer Dankbarkeit, die wir jetzt auch immer mal wieder zum Ausdruck bringen sollten. Ausgerechnet in Zeiten der sozialen Distanzierung dürfen wir die Wahrheit der Zeilen erfahren, die der große englische Dichter Alexander Pope (1688-1744) in seinem „Essay on Man“ formuliert:

Man, like the generous vine, supported lives;
the strength he gaines is from th’embrace he gives.

Der Mensch lebt wie ein üppiger Weinstock, indem er gehalten wird;
Zieht seine Kraft aus der Umarmung, die er schenkt.

Clemens Schneider
Clemens Schneider, born in 1980, co-founded the educational project „Agora“ Summer Academy and the blog „Offene Grenzen“ („Open Borders“). From 2011 to 2014 he held a scholarship by the Friedrich Naumann Foundation and held responsible positions there organizing several seminars and conferences. He is active as blogger and speaker and is in constant contact with the young members of the pro-liberty movement.

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