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Europas ungewöhnliche Zinswende

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Wartet mit der Zinserhöhung ab: EZB-Präsident Mario Draghi. Foto: Arne Dedert (Keystone) Österreichs Nationalbankchef Ewald Nowotny brach kürzlich das Tabu: Als erstes Mitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) sprach er konkret über Zinserhöhungen. Während seine Amtskollegen bislang auf Journalistenfragen ausweichend antworten, geht Nowotny in seinen Äusserungen ans Eingemachte. Er mutmasst über eine erste Anhebung um 0,2 Prozentpunkte sowie darüber, dass die EZB den «Einlagesatz» früher erhöhen könnte als den traditionellen Leitzins «Hauptrefinanzierungssatz». Die Debatte über die Zinswende in Europa kommt damit ins Rollen. In den kommenden Wochen und Monaten werden wir voraussichtlich viele unterschiedliche Versionen und Hypothesen darüber hören, wie Notenbanker das Ende der Tief-

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Europas ungewöhnliche Zinswende

Wartet mit der Zinserhöhung ab: EZB-Präsident Mario Draghi. Foto: Arne Dedert (Keystone)

Österreichs Nationalbankchef Ewald Nowotny brach kürzlich das Tabu: Als erstes Mitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) sprach er konkret über Zinserhöhungen. Während seine Amtskollegen bislang auf Journalistenfragen ausweichend antworten, geht Nowotny in seinen Äusserungen ans Eingemachte. Er mutmasst über eine erste Anhebung um 0,2 Prozentpunkte sowie darüber, dass die EZB den «Einlagesatz» früher erhöhen könnte als den traditionellen Leitzins «Hauptrefinanzierungssatz».

Die Debatte über die Zinswende in Europa kommt damit ins Rollen. In den kommenden Wochen und Monaten werden wir voraussichtlich viele unterschiedliche Versionen und Hypothesen darüber hören, wie Notenbanker das Ende der Tief- respektive Negativzinsphase umsetzen wollen. Denn eines steht heute schon fest: Die Zinswende wird diesmal von ungewöhnlich vielen Unwägbarkeiten begleitet.

Mehr als technische Details

Nowotny hat eine technische Ungewöhnlichkeit bereits angesprochen: Um welchen Leitzins geht es überhaupt? Der Einlagesatz ist der einzige der drei EZB-Leitzinsen, der im Minus liegt (–0,4 Prozent). Er bestimmt die Sätze im Interbankengeschäft, dem wichtigsten Marktsegment, über das die EZB in der Tiefzinsära ihre Zinssignale in die Wirtschaft der 19 Eurostaaten sendet. Traditionell verschiebt die EZB immer alle drei Leitzinsen gleichzeitig. Diesmal könnte sie die Priorität darauf legen, zunächst aus dem Minuszinsregime auszusteigen. Dann würde sie nur am Einlagesatz schrauben und vorerst die anderen Leitzinsen unverändert lassen.

Für die Notenbanken der benachbarten Währungsräume wäre das trotzdem ein entscheidender Schritt. Sie halten wegen der EZB ebenfalls ihre Einlagesätze (Dänemark: –0,7 Prozent, Schweden: –1,25 Prozent) oder den Interbankensatz Libor (Schweiz: –0,7 Prozent) im Minus. Sie könnten dann ihrerseits die Negativzinsen abschaffen oder, was anfangs realistischer ist, verringern.

Um wie viel? Traditionell gehen Notenbanken in Viertelprozentschritten vor. Auch hier muss neu gedacht werden. Nowotny spricht von 0,2 Prozentpunkten. Der EZB-Einlagesatz würde dann von –0,4 auf –0,2 Prozent...

Andreas Neinhaus
Andreas Neinhaus (Jg. 1963) ist seit 1997 als Redaktor bei «Finanz und Wirtschaft» tätig und schreibt über geld- und währungspolitische sowie konjunkturelle Fragen.

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