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2017 – Jahr des Grauens für die Eliten

Summary:
Es riecht süsslich und ein wenig abgestanden, wenn die politischen und wirtschaftlichen Eliten der Schweiz den Zustand des Landes beschreiben. Herbert Scheidt, der neue Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, reist seit Wochen durch das Land und beschwört seine verunsicherten Zuhörer: „Die Schweiz ist ein Land der Stabilität.“ Das klingt ganz wie jener Mann, der aus dem 60. Stockwerk springt und im 20. Stockwerk sagt: „Hurra, ich bin ja noch am Leben.“ Bundeskanzler Walter Thurnherr, der in Ermangelung grossartiger Bundesräte immer öfter selbst das Wort ergreift, gibt als Richtung fürs neue Jahr vor: „Wenn ein Land in der Lage ist, die Zukunft anzupacken, dann ist es die Schweiz.“ Derweil springen unsere Bankiers noch nicht aus den Fenstern; 2008 bis 2009 hatten wir einige. Es sind die Bauern in der Waadt und in anderen Bauernkantonen, die sich umbringen. Da nicht jeder Waadtländer Bauer Bundesrat werden kann, sehen sie für sich und ihre Familien keine Auswege mehr. Pfarrer Pierre-André Schütz, der sie zu retten sucht, sagt: „Ihr Hof wird zur Falle, weil sie die Umstellung an die Vorgaben aus Bern nicht schaffen.“ Es sieht im kommenden Jahr nicht gut aus für unsere Bankmitarbeiter. Wer nur herabgestuft wird, hat mindestens für zwölf Monate sein Leben gerettet.

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Es riecht süsslich und ein wenig abgestanden, wenn die politischen und wirtschaftlichen Eliten der Schweiz den Zustand des Landes beschreiben. Herbert Scheidt, der neue Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, reist seit Wochen durch das Land und beschwört seine verunsicherten Zuhörer: „Die Schweiz ist ein Land der Stabilität.“ Das klingt ganz wie jener Mann, der aus dem 60. Stockwerk springt und im 20. Stockwerk sagt: „Hurra, ich bin ja noch am Leben.“ Bundeskanzler Walter Thurnherr, der in Ermangelung grossartiger Bundesräte immer öfter selbst das Wort ergreift, gibt als Richtung fürs neue Jahr vor: „Wenn ein Land in der Lage ist, die Zukunft anzupacken, dann ist es die Schweiz.“

Derweil springen unsere Bankiers noch nicht aus den Fenstern; 2008 bis 2009 hatten wir einige. Es sind die Bauern in der Waadt und in anderen Bauernkantonen, die sich umbringen. Da nicht jeder Waadtländer Bauer Bundesrat werden kann, sehen sie für sich und ihre Familien keine Auswege mehr. Pfarrer Pierre-André Schütz, der sie zu retten sucht, sagt: „Ihr Hof wird zur Falle, weil sie die Umstellung an die Vorgaben aus Bern nicht schaffen.“

Es sieht im kommenden Jahr nicht gut aus für unsere Bankmitarbeiter. Wer nur herabgestuft wird, hat mindestens für zwölf Monate sein Leben gerettet. Wem ein Job in Frankfurt oder Warschau angeboten wird, der muss auf alles verzichten, was er in Jahren aufgebaut hat: Freunde, Clubs, Familienangehörige, Heimatgefühl. Wer gleich entlassen wird, sollte nicht auch Weinhändler werden; es hat in der Schweiz schon 3’800 davon, und die Preise sinken ständig. Bedrohte Journalisten werden im allgemeinen PR-Berater, bedrohte Bankiers müssen sich mehr einfallen lassen.

Wo alles so wunderbar bei uns ist, gemessen an den Zuständen in Neapel, Marseille, aber auch Paris und Berlin, muss man sich doch fragen, ob die Schweiz, gerade im kommenden Jahr, sich den Trends entziehen kann, die wir täglich ausserhalb unserer Landesgrenzen beobachten können?

Die Bergtäler leeren sich, was wir urbane Stadtbewohner gelassen hinnehmen. Selbst schuld, wer seine Bündner oder Walliser Scholle nicht rechtzeitig verlassen hat. Schlimmer noch, der öffentliche Verkehr, die Trams, Nahverkehrsbahnen und die SBB, sie alle bauen laufend an Service ab. Der neue „Gottardo“ als europäischer Tunnel für den Cargoverkehr mit einigen Personenzügen in den Tessin ist kein Gegenbeweis. Wer die neuen Bahnhofs-Kathedralen lobt, nimmt selten wahr, dass man sich darin eher verirrt, als rasch sein Ziel zu finden. Hyperattraktiv ist keine Steigerung von attraktiv.

Eine meiner Leidenschaften, die genaue Beobachtung von Gemeinde- und Stadtverwaltungen, kann echtes Leiden beobachten. Die Qualität des Spitzenpersonals lässt laufend nach. Untaugliche Stadtpräsidenten werden, wie in Rapperswil-Jona, abgewählt. Andere wollen gleich freiwillig zurücktreten. Dritte liefern sich der Autorität der kantonalen Verwaltung aus. „Die Demokratie beginnt in den Gemeinden“ ist vielerorts ein leeres Wort.

Und das ist erst der Anfang.

Weil die Verleger lieber zu Händlern werden und ihre Leser Journalisten ausliefern, die nur noch knapp die Rechtschreibung beherrschen, ist für den aufmerksamen Leser, Hörer und Seher vieles, was geboten wird, eine Qual. Nun, man kann seine Erwartungen auch herunterschrauben, dies erfolgt aber bei steigenden Abo-Kosten. Und die meisten Online-Pages sind nicht besser.

Damit daraus kein „Grosses Lamento“ wird, will ich nur darauf hinweisen, dass unser VBS eher einem Schrotthaufen gleicht, die Aussenpolitik von Didier Burkhalter schlankweg gescheitert ist und wir mit Wirtschafts- und Bildungsminister Johann Schneider-Ammann einen Elite-Politiker haben, der besser an die Stelle von Giacobbo-Müller treten würde.

Simonetta Sommaruga, die gerne Flüchtlinge aufnimmt, hat ihren Ehemann gefeuert. Alain Berset steuert seine Gesundheitsreform auf das Krankenbett, und Doris Leuthard, die 2017 als Bundespräsidentin feiern kann, verspricht dem Stimmbürger alles, vor allem aber höhere Preise. Ueli Maurer hat das Finanzbudget nochmals gerettet, aber sein Staatssekretär Serge Gaillard weist darauf hin, dass dies künftig nicht mehr reiche.

„Ich finde es schade, dass – bei allen berechtigten Bedenken – jene säuerliche Nachdenklichkeit überwiegt, die für unsere Breitengrade nicht untypisch ist“, erwidert Walter Thurnherr derlei demokratische Bedenken.

Ist er Teil jener 0,26% der Schweizer Bevölkerung, die mehr als zehn Millionen Franken versteuern? Diese 25’000 Menschen müssen nicht wirklich Angst haben, im Orkus der Marktwirtschaft und der Offenen Gesellschaft unterzugehen. Sie sind Teil jener Zivilgesellschaft, wie sie seit gut 20 Jahren von den beiden vielhundertfachen Millionären und Teilzeit-Intellektuellen Dr. Tito Tettamanti und Dr. Konrad Hummler beschworen wird. Weil sie vom urbanen Volk nicht immer verstanden werden, übernimmt Ringiers Langzeit-Populärphilosoph Frank A. Meyer die Aufgabe, derlei kunstvoll zu vereinfachen. Aus Luxuswohnung und Luxusauto lässt sich gut Armut predigen, wie auch unsere katholischen Bischöfe wissen. „Nur im Wohlstand lebt sich’s angenehm“, schrieb schon Bertolt Brecht, der lieber in der Schweiz gewohnt hätte als in der früheren DDR. Er schaffte es nicht, die Schweizer Eliten von sich zu überzeugen, und blieb in Berlin, wohin es heute die jungen Schweizer zieht.

Wenn Bundeskanzler Walter Thurnherr unseren Wohlstand damit verteidigt, seine Grosseltern hätten bittere Armut erlebt und bis 1914 hätte die Armee 13 Mal gegen Streikende ausrücken müssen, dann ist dies kein Trost für die Heutigen, die im Tauwetter des einstigen Wohlstands leben müssen. Es geht langsam abwärts, der eine schneller, der andere langsamer.

Wo sind unsere liberalen Eliten geblieben? Wer in die EU-Staaten blickt, sieht längst keine mehr. Wer sie in der Schweiz sucht, muss sich mit älteren Herren bescheiden, die vom 19. und 20. Jahrhundert träumen. Wo einst Adolf Muschg, Georg Kohler und Georg Kreis die Fahnen noch hielten, müssen wir uns heute mit Ludwig Hasler und Lukas Bärfuss zufrieden geben. Der „Schweizer Monat“ schwebt im Ungefähren, das NZZ-Feuilleton unter René Scheu muss sich noch finden. Der längst nicht verebbte neoliberale Sturm hat grössere Schäden hinterlassen als angenommen.

Wo „Offene Gesellschaft“ und Handelsfreiheit auf dem Etikett steht, verbirgt sich der Kampf um Gewinne und Marktanteile.

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Klaus Stöhlker
Klaus Jürgen Stöhlker (* 1941 in Ludwigshafen am Rhein) ist ein deutscher und Schweizer Journalist, Redaktor, Berater, Publizist und Unternehmer.

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